SPD und ihr Wahldebakel : Die plumpe Fixierung auf Sigmar Gabriel als Sündenbock

Bei der Aufarbeitung ihrer schlechten Situation arbeitet sich die SPD-Führung an einzelnen Leuten ab, anstatt Verantwortung zu übernehmen. Ein Kommentar.

In Ungnade. Die SPD schiebt ihrem ehemaligen Vorsitzenden viel Schuld zu.
In Ungnade. Die SPD schiebt ihrem ehemaligen Vorsitzenden viel Schuld zu.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Diese Analyse der Situation der SPD ist – ja, was? Ein Dokument dessen, was die SPD insgesamt schwach macht. Ihr Scheitern, so muss man es wohl nennen, ist doch beileibe nicht allein Sigmar Gabriel oder Gabriel und Martin Schulz anzulasten. Man kann den gewesenen Vorsitzenden einiges nachsagen, aber dass beispielsweise Gabriel allein für alle Versäumnisse oder Ärgernisse oder Fehler verantwortlich wäre, das dann doch nicht. Verantwortlich sind alle, die seit Jahren im Parteivorstand sitzen, darunter Andrea Nahles, darunter Olaf Scholz. Sie alle hätten ausreichend Möglichkeiten gehabt, alles anzusprechen, alles zu ändern.

Verrohung der Sitten

Dass die neue Führung die alte, Gabriel und Schulz, nicht zur Fehleranalyse eingeladen hat, zeigt, welcher Geist vorherrscht. Taktik regiert. Man kann das eine Verrohung der Sitten nennen. Zumal sich einiges gegen die Analyse einwenden ließe. Wenn Gabriel oder Schulz offen sprächen … Was sie nicht tun. Das gehört sich auch nicht für Genossen, die es bleiben wollen. Außerdem wäre es nicht zielführend.

Nur so viel als Anspielung: Ein Autor hat den NRW-Wahlkampf gemanagt, der mit der Abwahl endete; und der hatte sich mit Gabriel überworfen. Ein weiterer steht auch nicht eben Gabriel nahe, sondern gilt als Nahles-Mann. Daneben war er von Niedersachsens Ministerpräsident im Zuge einer Affäre um die Vergabe öffentlicher Aufträge als Staatssekretär entlassen worden.

Vielleicht hätte Schulz noch später übernehmen müssen

Unabhängig von alledem: 17 Prozent in Umfragen heute sind nicht mehr Gabriel (oder Schulz) anzulasten. Zur Erinnerung sei gesagt, dass Gabriel ein Jahr vor der Bundestagswahl vom Parteivorsitz zurückgetreten ist und seither nicht mehr im Vorstand war. Was ja auch richtig ist. Und vielleicht – hiermit zurück zur Analyse – war es in der Tat falsch, Schulz zum bekannten Zeitpunkt als Kanzlerkandidat zu benennen; aber weil es zu früh und nicht etwa zu spät war. Als These: Ein Gabriel, der noch die verschiedenen Landtagswahlen aushält, erleichtert dem neuen Hoffnungsträger den Start. Was Schulz’ missglückte Wahlkampagne betrifft: Wo war der Einspruch des Parteivorstands? Worin bestand dessen Hilfe? Wer hatte bessere, zündende Ideen?

„Aus Fehlern lernen“, das haben sie sich jetzt vorgenommen. Dafür muss sich in der Führung noch einiges ändern.

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