SPD wohin? : Das Erbe von Andrea Nahles

Was die Sozialdemokraten ein Jahr nach dem Rücktritt ihrer Parteivorsitzenden lernen können. Ein Gastbeitrag.

Sebastian Jobelius
Vorletzte Worte. Andrea Nahles bei einer Pressekonferenz im Willy-Brandt-Haus im März 2019.
Vorletzte Worte. Andrea Nahles bei einer Pressekonferenz im Willy-Brandt-Haus im März 2019.Foto: imago images/Metodi Popow

Sebastian Jobelius war zum Zeitpunkt des Rücktritts von Andrea Nahles ihr Büroleiter in der SPD Bundestagsfraktion und ist politisch aktiv in der Berliner SPD. Im „Vorwärts“ hat er gemeinsam mit Konstantin Vössing seine Vorstellung von der Werteorientierung der SPD veröffentlicht.

Heute vor einem Jahr ist Andrea Nahles als Partei- und Fraktionsvorsitzende der SPD zurückgetreten – nach Monaten beispielloser öffentlicher Debatten über die Große Koalition, über den Kurs der Partei, über Regierungskompromisse und über ihre Person.

Die selbstzerstörerischen Debatten sind an dem Tag verschwunden, an dem die Wortführer dieser Debatten das Ruder in der SPD übernahmen. Geholfen hat es bislang wenig. Kurz vor dem Rücktritt von Andrea Nahles erreichte die SPD mit Katarina Barley als Spitzenkandidatin bei den Europawahlen 15,8 Prozent. Heute steht die SPD in den Umfragen bei Werten zwischen 14 und 16 Prozent.

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Es gibt frühere Vorsitzende der SPD, die sich gerne ausgiebig und oft zur Politik ihrer Nachfolger äußern. Andrea Nahles hat ihren Abschied mit aller Konsequenz vollzogen. Sie kommentiert die Arbeit der neuen SPD-Vorsitzenden nicht in Interviews. Aber hat sie deshalb der SPD nichts mehr zu sagen? Hat sie ein Erbe hinterlassen, das es zu verteidigen und auszubauen gilt?

Zeit für eine Neuausrichtung

Der Rücktritt und der langwierige Prozess der Nachfolgewahl haben den Prozess der programmatischen und strategischen Ausrichtung der SPD auf die nächste Bundestagswahl fast zum Erliegen gebracht.

Es ist für die SPD aber noch nicht zu spät, die Dinge diesmal besser anzugehen als bei den vorangegangenen Bundestagswahlen. Da Angela Merkel bei der nächsten Bundestagswahl nicht noch einmal antritt und der Höhenflug der Grünen gestoppt ist, sehen die Chancen für die SPD besser aus, als man mit Blick auf die aktuellen Umfragen meinen könnte.

In dem von Martin Schulz angestoßenen und Andrea Nahles vorgelegten Bericht „Aus Fehlern lernen“ ist klar analysiert, dass eine rechtzeitige Personalentscheidung eine Voraussetzung für die erfolgreiche Vorbereitung auf eine Bundestagswahl ist.

Klarheit über die Kanzlerkandidatur

Die SPD sollte zügig nach der Sommerpause Klarheit über die Kanzlerkandidatur für die nächste Bundestagswahl schaffen. Diese Person muss den Prozess der Programmerstellung mitgestalten; das Programm muss ohne jeden Zweifel auch das Programm des Kandidaten oder der Kandidatin sein.

Eine der Aufgaben, die sich Andrea Nahles vorgenommen hatte, war die Auflösung zentraler programmatischer Grundsatzfragen. Sie hat in ihrer Amtszeit in einem intensiven Dialogprozess die Eckpunkte des neuen Sozialstaatskonzepts der SPD entwickelt. Das Konzept ist von den sozialdemokratischen Grundwerten her gedacht und konzipiert. Von da aus wurden mit viel Sachverstand und Realismus neue Antworten auf die sozialpolitischen Fragen unserer Zeit gegeben.

Die SPD hat in der Coronakrise nicht nur über eine solidarische und gerechte Krisenbewältigung gesprochen, sondern diese auch in Deutschland und Europa mit zielgerichteten und wirksamen Maßnahmen in die Tat umgesetzt. Ihren Kompass und ihre Regierungsfähigkeit hat die SPD also trotz aller Turbulenzen nicht verloren.

Vorarbeiten als Grundlage

Die Frage ist nun, ob es die Spitzen der SPD in Partei, Fraktion und Regierung schaffen, aus der aktuellen Situation heraus ein klares Programm für die nächste Bundestagswahl zu entwickeln. Andrea Nahles hat ihre Funktionen abgegeben. Aber ihre Vorarbeiten sind auch ein Jahr nach ihrem Abschied noch eine gute Grundlage für das neue Programm. An sie sollte die gesamte Parteispitze anknüpfen.

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Die Ereignisse vor einem Jahr und die nicht in Erfüllung gegangenen Hoffnungen der neuen Parteiführung, schnell durch „mehr Standhaftigkeit“ bessere Zustimmungswerte für die SPD erzielen zu können, sollten dabei allen eine Mahnung sein, dass die Aufgaben nur mit vereinten Kräften gemeistert werden können.

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