Staatsanwältin Natalja Poklonskaja : Wie das Postergirl der Krim-Annexion abstürzte

Sie war das Postergirl der Krim-Annexion und machte in Moskau eine steile Karriere. Die ist jetzt zu Ende: Nach einer falschen Abstimmung in der Duma.

Frank Herold
Natalja Poklonskaja soll die Fraktion der Putin-Partei in der Duma verlassen.
Natalja Poklonskaja soll die Fraktion der Putin-Partei in der Duma verlassen.Foto: Anton Novoderezhkin, imago/ITAR-TASS

Junge Leute können rasant aufsteigen in Russland – vom Leibwächter Wladimir Putins zum Gouverneur einer Industrieregion beispielsweise oder vom Sohn des Sicherheitsratschefs zum Landwirtschaftsminister –, aber auch genauso schnell wieder fallen, wenn sie die Gunst der Mächtigen verspielen. Wie Natalja Poklonskaja.

Die 1980 geborene Ukrainerin erlangte 2014 Berühmtheit, da befand sie sich als Staatsanwältin in Kiew gerade am Beginn ihre Karriere. Weil sie fabelhaft aussieht und stramm auf russischer Expansionslinie stand, wurde sie eine Art Postergirl der Krim-Annexion – mit hunderttausenden Bewunderern in den sozialen Netzwerken. 2016 folgte der Wechsel nach Moskau, als Duma-Abgeordnete der Putin-Partei „Einiges Russland“. Und mit genau der hat sie jetzt Ärger: Poklonskaja soll aus der Fraktion fliegen, weil sie es gewagt hat, gegen die Rentenreform zu stimmen. Als einzige Abgeordnete und gegen die erklärte Direktive ihrer Parteiführung. Deren Ziel ist es, das höchst umstrittene Projekt, gegen das zehntausende Russen auf die Straße gehen, weil sie nicht fünf bis acht Jahre länger arbeiten wollen als bisher üblich, möglichst glatt durchs Parlament bringen. Und nun spielt ausgerechnet der Medienstar nicht mit.

Ein Geschenk für die Propaganda

Dass Poklonskaja keine Scheu vor radikalen Aktion hat, hat sie mehrfach bewiesen. Als vor vier Jahren in Kiew die Revolution tobte, stellte sie sich der russischen Macht zur Verfügung und wurde von Moskau zur obersten Anklägerin auf der besetzten Halbinsel Krim ernannt. Aus ukrainischer Sicht ist sie seitdem eine per Haftbefehl gesuchte Hochverräterin. Aus russischer Sicht war sie ein Geschenk für die Propaganda: Sie war stets fesch in Uniform, und es entstand ein regelrechter Kult um sie. Lieder wurden für und über sie geschrieben und Computerspiele entwickelt. Besonders wild trieben es die Japaner. Dort gibt es eine Manga-Serie mit Poklonskaja als Heldin.

Als Abgeordnete in Moskau hat sich Polklonskaja in ihrem großrussischen Nationalismus von Beginn an von niemandem übertreffen lassen. Sie stieß eine Kampagne gegen den Oppositionsführer Alexej Nawalny an und versuchte, einen Kinoregisseur vor Gericht zu bringen. Der hat einen Film über den letzten Zaren und seine nicht standesgemäße Geliebte gedreht, den Poklonskaja, plötzlich eine glühende Monarchistin, für blasphemisch hielt. Mit ihrem Nein zur Rentenreform hat sie ihre Karriere nun beendet. Illoyalität wird in Putins Russland sofort bestraft.

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