Staatskrise : Venezuelas Opposition will Hilfsgüter selbst abholen

Das Ringen um die humanitäre Hilfe könnte den Machtkampf zwischen Maduro und Guaidó entscheiden. Am Wochenende droht der Showdown an der Grenze.

Juan Guaidó mit Chiles Präsident Sebastian Pinera (links von ihm), Kolumbiens Präsident Ivan Duque (mit gerecktem Daumen) und Paraguays Präsident Mario Abdo Benitez (rechts).
Selbstbild: Juan Guaidó mit Chiles Präsident Sebastian Pinera (links von ihm), Kolumbiens Präsident Ivan Duque (mit gerecktem...Foto: Luis ROBAYO/AFP

Venezuelas selbst ernannter Interimspräsident Juan Guaidó will die humanitäre Hilfe persönlich abholen: Überraschend hat sich der junge Oppositionsführer am Freitag beim Benefizkonzert „Venezuela Aid Live“ in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta gezeigt. Sein Besuch im Nachbarland war eine offene Provokation gegen seinen Kontrahenten, Staatschef Nicolás Maduro: Wegen eines laufenden Ermittlungsverfahrens darf Guaidó das Land eigentlich gar nicht verlassen.

Die Frage ist: Wir sind wir hier nach Kolumbien gekommen, wenn der Luftraum gesperrt und der Schiffsverkehr verboten ist und die Straßen blockiert sind? Wir sind hier, weil die Soldaten uns geholfen haben. Das ist die Wahrheit“, sagte Guaidó vor der Lagerhalle mit den Hilfsgütern an der Seite von Kolumbiens Präsident Ivan Duque, dem chilenischen Staatschef Sebastián Piñera und Paraguays Präsident Mario Abdó.

Der kolumbianische Fernsehsender Caracol veröffentlichte ein Video, auf dem Guaidó mit Anhängern im Laufschritt über eine Grenzbrücke zwischen Venezuela und Kolumbien rennt. „Diese Brücke gehört mir“, ruft er und streckt eine Faust in die Luft. „Natürlich schaffen wir es.“

Showdown an der Grenze

Am Samstag könnte es an der Grenze zum Showdown kommen: Tausende freiwillige Helfer wollen die bereits in Cúcuta bereitstehenden Hilfsgüter nach Venezuela schaffen. Staatschef Maduro sieht in der humanitären Hilfe allerdings einen Vorwand für eine militärische Intervention in dem südamerikanischen Land und hat die Streitkräfte angewiesen, die Lieferungen nicht passieren zu lassen.

Washington warnte Maduro und das venezolanische Militär vor Gewaltanwendung. In einer am Freitagabend verbreiteten Erklärung forderte das Weiße Haus die venezolanischen Soldaten auf, Hilfsgüter für das Volk ungehindert passieren zu lassen. „Die Welt sieht zu“, warnten die USA.

Dass die Soldaten Guaidó nach eigener Darstellung passieren ließen, sorgte bei Maduros Gegnern für Optimismus. „Hoffentlich erleuchtet Gott die Streitkräfte“, sagte der chilenische Präsident Piñera. Auch Kolumbiens Staatschef appellierte an das Militär: „Soldaten, stellt euch auf die richtige Seite der Geschichte.“

Zuschauer beim Benefizkonzert "Venezuela Aid Live" auf der kolumbianischen Seite der Grenzbrücke Tienditas.
Zuschauer beim Benefizkonzert "Venezuela Aid Live" auf der kolumbianischen Seite der Grenzbrücke Tienditas.Foto: Rafael Hernandez/dpa

UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderte die venezolanischen Sicherheitskräfte unterdessen auf, keine tödliche Gewalt gegen Demonstranten einzusetzen. Außenminister Jorge Arreaza erklärte: „Das Militär wird niemals den Befehl erhalten, auf Zivilisten zu schießen. Es ist dazu da, unser Territorium gegen bewaffnete Angriffe zu verteidigen.“

Hunderttausende bei "Venezuela Aid Live"

Der US-Sonderbeauftragte für Venezuela, Elliott Abrams, brachte am Freitag weitere Hilfsgüter nach Cúcuta. „Venezuela wird frei sein - vielleicht morgen, vielleicht übermorgen“, sagte er. „Soldaten, hört die Schreie eurer Brüder und Schwestern, eurer Väter, Mütter und Kinder. Sie verlangen Essen und Medikamente, um zu überleben.“

Hunderttausende Menschen hatten zuvor bei „Venezuela Aid Live“ bekannten lateinamerikanischen Künstlern wie Luis Fonsi, Juanes, Maluma und Paulina Rubio zugejubelt. Mit dem Konzert wollten der britische Milliardär Richard Branson und die venezolanische Opposition den Startschuss zu einer Spendenkampagne geben, um innerhalb von 60 Tagen bis zu 100 Millionen Dollar für die humanitäre Hilfe einzusammeln.

Gegenkonzert der Regierungstreuen

Auf der venezolanischen Seite hielten regierungstreue Musiker bei einem Gegenkonzert dagegen und forderten „Hände weg von Venezuela“. Der Regierungsfunktionär Freddy Bernal sagte: „Alle Künstler auf der Bühne werden der Welt sagen, dass Venezuela frei und unabhängig ist.“

Venezuela leidet unter einer schweren Wirtschafts- und Versorgungskrise. Aus Mangel an Devisen kann das einst reiche Land kaum noch Lebensmittel, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs einführen. Viele Menschen hungern, Infektionskrankheiten wie Malaria breiten sich wieder aus und über drei Millionen Venezolaner haben ihre Heimat bereits verlassen.

An den Hilfslieferungen könnte sich der seit Wochen tobende Machtkampf zwischen Maduro und seinem Gegenspieler Guaidó entscheiden. Gelingt es dem selbst ernannten Interimspräsident tatsächlich, Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel nach Venezuela zu schaffen und an die notleidende Bevölkerung zu verteilen, wäre das ein Coup. Gehen die Soldaten allerdings mit Gewalt gegen die Freiwilligen vor, könnte es Blutvergießen geben.

Auch in Brasilien stehen zahlreiche Hilfsgüter bereit. Allerdings hat Maduro die Grenze schließen lassen. Medienberichten zufolge verlegten die venezolanischen Streitkräfte Truppen und Panzer in die Region. Bei Zusammenstößen zwischen Soldaten und Angehörigen des indigenen Volkes der Pemón kamen am Freitag zwei Menschen ums Leben, rund ein Dutzend weitere wurden verletzt.

Brasilien will helfen

Trotz der Spannungen will Brasilien der notleidenden Bevölkerung in Venezuela mit fast 200 Tonnen an Grundnahrungsmitteln helfen. Die Güter stünden auf einem Militärstützpunkt in Boa Vista in dem an Venezuela grenzenden Bundesstaat Roraima bereit, müssten aber von venezolanischen Lastwagen abgeholt werden, sagte Präsidentensprecher Otávio Rêgo Barros am Freitag in Brasília auf einer Pressekonferenz nach einer Krisensitzung der Regierung. Geplant sei, dass die brasilianische Bundespolizei die Lastwagen bis zum brasilianischen Grenzort Pacaraima begleite. „Danach werden sie unter Verantwortung von Guaidó fahren“, betonte er. (dpa)

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