Stegner und Schwan : Dieses „Powerduett“ will in der SPD den Ton angeben

Mit einem linken Profil wollen Ralf Stegner und Gesine Schwan die SPD-Führung übernehmen. Für was stehen sie und wie halten es beide in Zukunft mit der Groko?

Vetraute: SPD-Vize Ralf Stegner und die Chefin der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan.
Vetraute: SPD-Vize Ralf Stegner und die Chefin der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan.Foto: Britta Pedersen/dpa

Vertraut schauen sich die beiden in die Augen. Gesine Schwan und Ralf Stegner sitzen nebeneinander auf dem Podium der Berliner Bundespressekonferenz und lächeln sich freundlich an – wie zwei Musiker, die wochenlang ein Stück eingeübt haben und jetzt, endlich, ihren ersten gemeinsamen Auftritt haben.

Im Publikum sitzen rund 30 Hauptstadtjournalisten. Sie sind gekommen, um sich das „Powerduett“ anzuhören. So nennt SPD-Vize Stegner das Team, das er mit seiner Genossin, der 76 Jahre alten Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan, bildet. Ihr gemeinsames Ziel ist, zum Jahresende die Führung der schwer angeschlagenen SPD zu übernehmen, ihren Status als linke Volkspartei wiederherzustellen und die Sozialdemokratie aus ihrer „sehr, sehr tiefen existenziellen Krise“ herauszuholen, wie Schwan sagt. Wie die zwei dieses Meisterstück vollbringen wollen, erklären sie den Pressevertretern an diesem Freitag in bester Laune.

Der 59-jährige Stegner lehnt im dunklen Sakko in seinem Stuhl vor der hellblauen Wand der Bundespressekonferenz und blickt wie immer etwas streng in den Raum. Für ihn ist der Auftritt vor so vielen Journalisten Routine. Seit fünf Jahren ist er stellvertretender SPD-Chef, war Finanz- und Innenminister in Schleswig-Holstein, wo er seit 2008 auch die Landtagsfraktion anführt. Seine neue Polit-Partnerin Schwan hingegen sticht in der Berliner Hauptstadtblase noch etwas heraus. „Ich habe nie von der Partei gelebt“, betont sie ihre Außenseiterrolle im Rennen um den SPD-Vorsitz. Ihr Leben habe die emeritierte Professorin für Politische Theorie und Philosophie „weitgehend außerhalb der Partei verbracht“.

„Das gefällt nicht jedem“

Dass sie keine Profi-Politikerin ist, wird gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich. Schwan setzt zu einem Vortrag an, der mehr an ein Politologie-Seminar erinnert als an eine Bewerbungsrede um das wichtigste Amt in einer Regierungspartei. Es geht theoretisch zu in dem Referat, Schwan doziert über das „Primat der Politik gegenüber dem Kapitalismus“ und erläutert, wie durch die Globalisierung „der Nationalstaat erheblich gelitten hat“. Eine „Stärkung der Kommunen“ fordert sie, „mehr Bürgerteilhabe“, auch international, vom „Lokalen zum Globalen“. Große Namen fallen, vom Soziologen Ralf Dahrendorf über den Ökonomen John Keynes bis hin zum ehemaligen sozialdemokratischen Kanzler Gerhard Schröder. Es ist ein wissenschaftlicher Kurzvortrag, mit dem die Vorsitzende SPD-Grundwertekommission in zehn Minuten die Motivation für ihre Bewerbung um den Parteivorsitz zu erklären versucht.

Stegner, der wie Schwan ebenfalls promoviert ist und einen Masterabschluss der Elite-Uni Harvard hat, geht seine Bewerbungsrede anders an – indem er das Standardrepertoire der Parteilinken abspult: vom Kampf gegen den Rechtspopulismus über Umweltschutz und Abrüstung bis hin zur Bürgerversicherung ist alles dabei. Stegner sagt typische Sätze wie: „Wir brauchen mehr Verteilungsgerechtigkeit.“ Und: „Ja, das gefällt nicht jedem.“

Links-Rechts-Duo

Der Parteilinke Stegner und die Professorin Schwan, einst Mitbegründerin des konservativen SPD-Zirkels „Seeheimer Kreis“ – die beiden geben ein untypisches Paar ab. Schon ungewöhnlich, dass zwei wie sie gemeinsam nach der Macht in der SPD greifen. Aber auch nicht ausgeschlossen, dass sie die Parteimitglieder von sich überzeugen können – ab 1. September haben sie dafür auf insgesamt 23 Regionalkonferenzen im ganzen Land die Gelegenheit. „Der Wettbewerb ist toll“, sagt Stegner.

„Wir haben da ganz viel Lust drauf, Gesine Schwan und ich“, beteuert der SPD-Vize – und freut sich darüber, dass „wir Schwung gebracht haben in den innerparteilichen Wettbewerb um den Vorsitz“. Gemeint ist damit: Kurz bevor Schwan und Stegner am Freitag die Bundespressekonferenz betreten, wird bekannt, dass auch Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz für eine Kandidatur um den SPD-Vorsitz bereit ist – der erste aus der vordersten Reihe der Sozialdemokraten, der sich traut. Kurz zuvor hatten auch der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius und Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping ihre Kandidatur erklärt.

Das Ziel: Zusammenführen

Ist es das, was Schwan und Stegner erreichen wollten – mit ihrer Kandidatur den bislang träge verlaufenden innerparteilichen Wahlkampf um den Vorsitz befeuern? „Wir meinen das schon ernst, was wir hier machen“, versichert Stegner. Das Duo zeigt sich als eingeschworenes Team, auch wenn sie „in den Temperamenten ein bisschen divers“ seien, wie Stegner es formuliert. „Gesine Schwan ist eine der klügsten Frauen, die ich kenne“, lobt er seine Partnerin. Die betont das große Vertrauen, das beide zueinander hätten.

Zusammen wollen Schwan und Stegner, der SPD-Linke und die konservative Sozialdemokratin, die Partei wieder einen. „Das Ziel muss ‚Zusammenführen‘ heißen“, sagt Stegner. Wie es mit der Groko weitergehen soll, darauf wollen sich die beiden nicht festlegen – das müsse ein Parteitag entscheiden. Nach 2021 soll aber sicher Schluss sein mit der großen Koalition. Für Schwan, in ihren jungen Jahren eine strenge Anti-Kommunistin, wäre sogar eine „gemeinsame Politik mit der Linken durchaus möglich“. Dass der Parteilinke Stegner das will, versteht sich von selbst. Mit Blick in die Zukunft zeigt sich der Vizevorsitzende optimistisch: „Wer uns abschreibt, der hat sich getäuscht.“

Sollte das „Powerduett“ Schwan und Stegner die SPD tatsächlich übernehmen, dürfte die Einigung der eigenen, zerstrittenen Partei die erste große Aufgabe sein. Mit Streit schlichten, sagt Schwan, habe sie schon von klein auf Erfahrung gemacht – auf dem „Familien-Segelboot, wo es viel Krach gab“. Den Streit in der Familie habe sie immer „mit einem Gesangsbuch beendet“. So einfach sei das bei der SPD allerdings heute nicht. „Da müssen wir mehr machen als gemeinsam singen.“

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