Streit in der „New York Times“ : Ein Star schimpft und kündigt

Kolumnistin Weiss wirft „New York Times“-Verleger Sulzberger ein „illiberales Klima“ in der Redaktion vor. Und warnt vor neuer Orthodoxie.

Maßstab und Orientierungspunkt im US-Journalismus: die New York Times.
Maßstab und Orientierungspunkt im US-Journalismus: die New York Times.Foto: dpa

Sind die so genannten liberalen Medien tatsächlich die illiberalen, weil sie intolerant sind gegenüber abweichenden Meinungen? Diesen Vorwurf erhebt Bari Weiss, über drei Jahre eine meinungsstarke Kolumnistin der „New York Times“. Sie hat gekündigt, weil sie sich von Kolleginnen und Kollegen gemobbt fühlt, unter anderem durch abfällige Bemerkungen über ihre Ansichten, die nicht nur intern, sondern auch über soziale Netzwerke ausgetauscht wurden.

"Illiberales Klima"

Weiss keilt ebenfalls extern zurück. In einem offenen Brief an Verleger Sulzberger wirft sie ihm vor, ein „illiberales Klima“ zu dulden. Jüngere Mitarbeiter, die eine ideologische Haltung durchsetzen wollten, lieferten sich demnach einen „Bürgerkrieg“ mit „den zumeist über 40 Jahre alten Liberalen“. Als Beispiel nennt sie den Proteststurm aus der Redaktion gegen einen Gastkommentar, in dem der republikanische Senator Tom Cotton gefordert hatte, notfalls das Militär einzusetzen, wenn die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt außer Kontrolle geraten. Unter dem Druck hatte die „New York Times“ die Veröffentlichung des Gastbeitrags einen Fehler genannt und den Chef der Meinungsredaktion, James Benett, gehen lassen.

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Sie selbst sei 2017 zur "New York Times" gegangen, weil die Zeitung die Lehren daraus ziehen wollte, dass sie Donald Trumps Wahlsieg 2016 nicht habe kommen sehen, schreibt Weiss. Unter Führung von James Benett habe die Meinungsredaktion mehr konservative Stimmen einbezogen, um sich für eine größere Bandbreite von Meinungen in der Gesellschaft zu öffnen.

Neue Orthodoxie weniger Aufgeklärter

Doch die eigentliche Lektion habe die Redaktion nicht gelernt: Wie wichtig es sei, andere Amerikaner und ihre Haltungen zu verstehen und sich nicht auf das eigene Stammesdenken zu beschränken. Und dass erst der freie Austausch von Meinungen eine demokratische Gesellschaft ermögliche. Stattdessen habe sich ein neuer Konsens in der Presse herausgebildet und ganz speziell in der "New York Times". Dass die Wahrheit sich nicht im Prozess kollektiver Entdeckungen herausbilde, sondern dass bereits feststehe, was wahr sei und dass diese Orthodoxie nur einigen wenigen Aufgeklärten bekannt sei, deren Job es sei, diese Wahrheit allen anderen zu verkünden.

Weiss hat sich unter anderem mit scharfen Meinungsbeiträgen gegen Antisemitismus einen Namen gemacht und Preise gewonnen. Manche Kolleginnen und Kollegen kritisieren ihre Darstellung des innerredaktionellen Konflikts um den Cotton-Gastbeitrag als unfair. Andere stimmen ihr zu. Fragwürdige Unterstützung bekommt sie von problematischen Figuren wie Judith Miller, ausgerechnet auf Fox News.

Judith Miller und der Irakkrieg

Miller arbeitete früher für die „New York Times“ und war im Streit um George W. Bushs Irakkrieg ein Star, weil sie die These von den gefährlichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins befeuerte. Sie galt als Heldin der Meinungsfreiheit, als sie lieber ins Gefängnis ging, als ihre Quellen zu offenbar. Die New York Times trennte sich von ihr, als herauskam, dass sie ihre Informationen von „Scooter“ Libby bekommen hatte, dem Stabschef des damaligen Vizepräsidenten Dick Cheney, der den Irakkrieg wollte.

Unabhängiger Journalismus ist von vielfältigen Illiberalen bedroht. Die können rechts oder links oder ganz woanders stehen, auch in den Social Networks.

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