Streitthema Betreuung : "Kinder zu erziehen erfordert Zeit"

Bei Familienfragen greift die Politik in die intimsten Entscheidungen der Menschen ein. Mütter und Väter berichten, wie sie ihre Kinder betreuen. Was sie stört und was sie sich wünschen.


Ganztagsbetreuung oder nicht? Die Politik versucht mit unterschiedlichen Methoden, den Geburtenrückgang zu stoppen.
Ganztagsbetreuung oder nicht? Die Politik versucht mit unterschiedlichen Methoden, den Geburtenrückgang zu stoppen.Foto: dpa

Als ich vor 16 Jahren zum ersten Mal Vater wurde, war ich oft der einzige Mann inmitten von Frauen. Beim Babyschwimmen war das so oder auf dem Spielplatz. Gestört hat mich das nicht. Ich war Student und meine damalige Freundin hatte einen Studentenjob mit Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz. Gut, dann mache ich eben mehr, habe ich gesagt. So war eben unsere Situation. Heute, mit drei Kindern, sehe ich, es hat sich einiges getan. Ich sehe mehr Männer in der Kita, in der Schule. Ein Generationenwechsel fand statt.

Meine jetzige Partnerin und ich, wir arbeiten beide freiberuflich im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. 20 Stunden die Woche. Entweder schreiben und telefonieren wir von zu Hause aus oder arbeiten hier im Café, nur wenige Meter von unserer Wohnung entfernt. Dadurch müssen wir uns finanziell zwar etwas einschränken, aber wir haben mehr Zeit für die Familie. Noch geht unser Sohn, der sechs Jahre alt ist, in einen kleinen Kinderladen hier im Kiez. Wenn er nachmittags nach Hause kommt, ist mindestens einer von uns da. Es kann auch immer mal sein, dass eines der Kinder krank wird, dass die Kita streikt. Deswegen hätten wir es uns vielleicht auch gar nicht zugetraut, Vollzeit zu arbeiten. Teilzeit – oft klingt das so negativ, aber ich habe das Modell immer gut gefunden. So zu arbeiten war und ist eine bewusste Entscheidung.

Kitas sollten es Eltern nicht abnehmen, Eltern zu sein

Dazu kommt: Wir sind eine Patchwork-Familie. Eine Woche sind meine Töchter, die 13 und 16 Jahre alt sind, bei mir. Die nächste Woche sind sie bei ihrer Mutter in Prenzlauer Berg. Haben sie etwas vergessen, können sie mit dem Fahrrad schnell rüber fahren. Montag ist Wechseltag. Bei vielen getrennten Paaren bedeutet Patchwork Streit, aber mit der Absprache klappt es bei uns ganz gut. Klar, wir müssen uns immer absprechen, unsere Pläne anpassen, müssen immer wieder Diskussionen führen, ohne noch miteinander zusammen zu sein. Ideal ist das nicht.

Andrej Schnell, 40, ist Freiberufler und arbeitet in Teilzeit. Er lebt in einer Partnerschaft und hat drei Kinder.
Andrej Schnell, 40, ist Freiberufler und arbeitet in Teilzeit. Er lebt in einer Partnerschaft und hat drei Kinder.Foto: Marie Rövekamp

Wir bekommen es aber hin – und es ist viel besser als die Alternative, die Kinder nur am Wochenende zu sehen. Was man oft bei dem Thema liest: die armen Kinder. Immer wieder müssen sie sich von ihren Eltern trennen. Dabei fällt das nicht nur ihnen schwer, sondern auch uns. Den Vätern und Müttern. An manchen Montagen habe ich nach der Übergabe erst mal drei Stunden auf dem Balkon gelegen. Es ist hart, sich zu verabschieden. Jedes Mal.

Wenn ich den Kleinen zur Kita bringe und dort andere Eltern sehe, hab ich oft das Gefühl, es herrscht der Glaube: Im August ist die Eingewöhnungsphase, dann kann ich im September ja wieder voll arbeiten. Kinder zu erziehen, sie aufzuziehen, erfordert aber Zeit. Auch wenn das nicht einfach ist. Kindergärten sind eine Unterstützung, aber sie sollten es Eltern nicht abnehmen, Eltern zu sein. Ich möchte damit nicht sagen, dass Mütter und Väter generell ihre Verantwortung abgeben, viele Eltern in meinem Freundeskreis machen sich eine Menge Gedanken. Jetzt steht aber zum Beispiel die Idee von 24-Stunden-Kitas im Raum. Für Eltern im Schichtdienst, die nachts arbeiten müssen, die andere Arbeitszeiten haben, ist das gut. Was ich dabei aber wichtig finde, ist, dass jede Mutter, jeder Vater nur eine gewisse Stundenanzahl haben darf, in der das Kind woanders betreut wird. Zu welchen Uhrzeiten ist egal. Aber irgendwann sollte für jedes Kind Kita-Schluss sein.

Gebt weniger Geld - und helft wirklich

Elterngeld, Kindergeld – von staatlicher Seite kriegen wir viel Unterstützung. Da bin ich zufrieden. Gut, dem Ehegattensplitting stehen wir eher skeptisch gegenüber, weil wir nicht aus Geldgründen heiraten wollen. Das fühlt sich komisch an. Und die Abgabe für Kinderlose, die kürzlich diskutiert wurde, hätte ich früher vielleicht gut gefunden, aber das sind so private Entscheidungen, ob jemand Kinder haben möchte oder nicht. Kinderlose für ihr Lebensmodell zu bestrafen, geht zu weit. Geld ist mir auch gar nicht so wichtig. Ich würde sogar sagen: Gebt mir weniger Kindergeld. Bringt dafür das Thema Inklusion voran, schafft mehr familienfreundliche Tarife bei Zoos, in Schwimmbädern und Museen. Verbessert das Schulessen. Abends zu wissen, wir müssen nicht kochen, die Kinder haben gesund gegessen, das würde wirklich helfen.

Andrej Schnell, 40, ist Freiberufler und arbeitet in Teilzeit. Er lebt in einer Partnerschaft und hat drei Kinder.

Ganztagsbetreuung oder nicht? Die Politik versucht mit unterschiedlichen Methoden, den Geburtenrückgang zu stoppen.
Ganztagsbetreuung oder nicht? Die Politik versucht mit unterschiedlichen Methoden, den Geburtenrückgang zu stoppen.Foto: dpa

Bei mir und meiner Frau fängt alles ja schon damit an, dass wir gar nicht als gleichwertige Familie angesehen werden. Dass ich schwanger werden konnte, dass wir die Kinder als gleichberechtigte Eltern aufziehen können, das war ein Hampeltanz. Letztlich haben wir das über Freunde geregelt, meine Erfahrungen mit der Kinderwunschindustrie wünsche ich wirklich niemandem. Als feststand, dass ich schwanger war, erkannte unser Samenspender – ein sehr guter Bekannter – die Vaterschaft morgens beim Jugendamt an. Wir gingen Spaghetti essen. Am Nachmittag gab er seine Vaterrechte beim Notar wieder ab. Nur so war es möglich, dass meine Partnerin die Kinder adoptieren konnte. Dass sie gesetzlich ihre Mutter wurde.

Bei unserer Tochter dauerte das Adoptionsverfahren sechs Monate, bei unserem Sohn ein Jahr. Meine Frau musste Gehaltsnachweise vorlegen, ihren Gesundheitspass, ein polizeiliches Führungszeugnis. Bis das Prozedere durch war, hatte sie als meine Lebenspartnerin nur das kleine Sorgerecht. Sie konnte die Kleinen von der Kita abholen, aber nicht bei großen Entscheidungen mitsprechen. Vor der Geburt hatte ich deswegen große Angst: Was ist, wenn ich sterbe? Was passiert dann mit meinen Kindern? Sie sollen doch bei meiner Frau leben. Damit für den Notfall alles geregelt ist, ging ich mit einem Stapel Papieren ins Krankenhaus.

Die Politik hinkt Jahre hinterher

Unsere Kinder kennen ihren biologischen Vater, sie sehen ihn regelmäßig, aber wir nennen ihn nicht so. Wir nennen ihn unseren Helfer. Ob sie ihn irgendwann Papa nennen und eine engere Beziehung zu ihm wollen, wissen wir nicht. Wir schauen einfach, was geschieht. Gesellschaftlich ist unser Familienmodell kein Thema mehr. Zumindest haben wir dieses Gefühl, wenn wir in die Kita kommen oder durch unseren Kiez spazieren. Die Politik hinkt aber noch immer Jahre hinterher.

Im Alltag versuchen wir eine Fifty-fifty-Aufteilung. Eine von uns macht nachmittags früher Schluss, die andere arbeitet bis spät am Abend.

Jesta Phoenix, 38, lebt mit ihrer Frau seit neun Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft. Sie haben zwei Kinder.
Jesta Phoenix, 38, lebt mit ihrer Frau seit neun Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft. Sie haben zwei Kinder.Foto: Marie Rövekamp

Mittwochs arbeiten wir einen halben Tag und machen jeder einen Mama-Kind-Tag. Das funktioniert bis wir Abendtermine haben, verreisen müssen oder die Grippewelle rumgeht. Wir wollen aber nun einmal beides: Erfüllung im Beruf und zu Hause. Wir wissen, wir können nur gute Mütter sein, wenn wir glückliche Mütter sind, und dazu gehört unsere Arbeit. Einfacher wäre es, wenn es mehr Elterngeld geben würde, mindestens 1000 Euro. Und eine längere Elternzeit. Im internationalen Vergleich ist ein Jahr zwar viel, aber die ersten drei Jahre sollten voll und ganz Familien zustehen. Ohne Angst zu haben, den Job zu verlieren oder später keinen zu finden.

Eine Gleichstellung zur Ehe statt CSD

Was wir auch möchten, ist endlich eine Gleichstellung zur Ehe. Gleiche Rechte statt auf dem Christopher Street Day herumtanzen zu dürfen. Und wir wünschen uns ein anderes Klima: Arbeitgeber sollten Eltern gegenüber wohlwollender sein und mehr flexible Arbeitszeiten ermöglichen. Zum Beispiel Homeoffice. Nachbarn sollten sich nicht beschweren, wenn Kinder im Hof spielen. Beim Einkaufen, in der Bahn – so oft werden Kinder als Störfaktoren gesehen. Wie wichtig und wundervoll sie sind, wird viel zu selten gezeigt.

Wir lieben unsere Kinder. Wir haben sie in diese Welt geträumt, und sie haben hier ein wundervolles Zuhause. Manchmal schwirrt die Idee von einem Pflegekind in unseren Köpfen herum, aber nicht jetzt. Nach dem zweiten Kind habe ich auch klar gesagt: Ich bin fertig. Wenn wir noch ein eigenes Kind wollen, Schatz, dann bist du jetzt dran.

Jesta Phoenix, 38, lebt mit ihrer Frau seit neun Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft. Sie haben zwei Kinder

Ganztagsbetreuung oder nicht? Die Politik versucht mit unterschiedlichen Methoden, den Geburtenrückgang zu stoppen.
Ganztagsbetreuung oder nicht? Die Politik versucht mit unterschiedlichen Methoden, den Geburtenrückgang zu stoppen.Foto: dpa

Unser Alltag funktioniert nur dann, wenn alles ganz genau nach Plan läuft. Passiert irgendetwas Unerwartetes, wird eines der Kinder krank oder streikt die Schule, bedeutet das Chaos. Jemand, der keine Kinder hat, kann sich das, glaube ich, kaum vorstellen. Viele denken doch: Es gibt die Ganztagsbetreuung, ist doch alles in Ordnung. Ein gewöhnlicher Tag sieht so aus: Bis neun Uhr morgens mache ich meine drei Kinder für die Schule fertig und fahre dann zur Kita SpielRaum Perlentaucher, die ich leite.

Dort bin ich bis halb fünf, viertel vor fünf. Um halb sechs hole ich die Kinder von der Schule wieder ab und mache Abendessen. Sind sie um acht, halb neun im Bett, kümmere ich mich um die Küche und die Wäsche. Dann ist es halb zehn. Ein oder zwei Stunden mache ich noch einmal den Computer an. Was ich bis zum Abend an Arbeit nicht geschafft habe, muss ich später eben nachholen.

Betreuung muss nicht kostenlos sein

Mindestens einmal in der Woche kommt dieser Rhythmus allerdings durcheinander. Der Schauspielunterricht meines Sohnes fällt aus oder die Zirkusstunde meiner Tochter. Meistens kann ich das von der Arbeit aus übers Handy regeln, aber mehr als ein Hobby pro Kind würde ich neben meinem Vollzeitjob an Organisation nicht schaffen.

Vor acht Jahren bin ich aus dem Saarland nach Berlin gezogen und ein wichtiger Faktor war die bessere Ganztagsbetreuung. Für zwei Kinder habe ich zuvor über 1000 Euro im Monat gezahlt. Mit einem dritten Kind hätte ich mir das nicht leisten können. Hier in Berlin fand ich relativ leicht eine Ganztagsbetreuung, und es ist hier sehr billig bis kostenlos. Was ich nicht gut finde. Ich wäre sofort bereit, mehr Geld zu bezahlen und dafür eine bessere Qualität bei der Betreuung und dem Essen zu sehen. Obwohl ich nicht sehr viel verdiene. Nur zeigt allein schon der Lohn von Erzieherinnen und Erziehern, was unserer Gesellschaft die Kinderbetreuung wert ist.

Keine Alternativen als Alleinverdiener

Dass meine Kinder so viel extern betreut werden, fällt mir manchmal schwer. Das wird einem auch vorgeworfen. Nach dem Motto: Die armen Kinder werden sogar in den Ferien zwei Wochen lang losgeschickt. Und meinen Kindern wird ab 16 Uhr gesagt: Jetzt sind alle schon abgeholt worden, nur ihr nicht. Klar bekomme ich da ein schlechtes Gewissen, und es wäre toll, wenn sich das anders regeln ließe. Das geht aber nicht. Ich bin Alleinverdiener. Was soll ich machen? Es ist auch nicht schön, wenn ich abends zu müde bin, um mit den Kindern zu spielen. Wenn ich die Zeit, die ich mit ihnen habe, nicht nutzen kann. Und mal Raum für mich zu haben – das ist eine Illusion. Mittlerweile freue ich mich, wenn die S-Bahn nicht kommt. Dann setze ich mich hin und mache für ein paar Minuten nichts.

Als Großfamilie in einem Haus zu wohnen, da würde vieles bestimmt einfacher sein. Das wäre aber nichts für mich. Ich könnte auch nicht nur zu Hause sein, selbst wenn ich im Lotto gewinnen würde. Ich arbeite gerne. Ein bisschen mehr Kindergeld würde ich mir vielleicht wünschen. Kinder und Karriere, das kann man nicht beides haben. Kinder und einen Beruf im Prinzip aber schon.

Ulrike Bungert ist 38 Jahre alt. Sie hat drei Kinder und lebt in einer festen Partnerschaft

Kaum hatten die Karlsruher Richter vor zwei Wochen das Betreuungsgeld gekippt, brach heftiger Streit los. Wieder zeigte sich, dass die Familienpolitik vermintes Gelände ist. Lesen Sie mehr dazu hier.

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