Studie der Bertelsmann-Stiftung : Kinder sind Seismografen für soziale Missstände

Junge Menschen fühlen sich laut einer Umfrage hierzulande oft unsicher und unbeachtet. Ein Signal, das die Gesellschaft nicht überhören darf. Ein Kommentar.

Ein Transparent hängt an einem Zaun der Hausotter Grundschule in Reinickendorf.
Ein Transparent hängt an einem Zaun der Hausotter Grundschule in Reinickendorf.Foto: dpa

Für eine der reichsten Gesellschaften der Welt, sind diese Zahlen beschämend: Jedem vierten Kind ist es hierzulande aus finanziellen Gründen kaum möglich, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Das spüren auch die Heranwachsenden, wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung herausstellt. Jeder zehnte der acht bis 14-jährigen Teilnehmer sorgt sich demnach oft, jedes zwanzigste Kind sogar immer um die materielle Situation der Familie. Schließlich bleibt vielen von ihnen die Klassenfahrt oder der Freibadbesuch verwehrt. Ein soziales Ausschlusskriterium.

Was die Studie der Bertelsmann-Stiftung aber auch zeigt: Es gibt Währungen, die noch wichtiger sind als die materielle Ausstattung: Zeit und Geborgenheit. Viele Kinder berichten von einem Mangel an Zuwendung durch erwachsene Vertrauenspersonen wie Eltern und Lehrer. Und eine erschreckend hohe Zahl der Kinder an Haupt-, Gesamt- oder Sekundarschulen fühlt sich nicht sicher.

Kinder haben ein gesteigertes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Immer wieder weisen Experten darauf hin, wie wichtig dessen Beachtung für die Bildung eines gesunden Selbstbewusstseins ist. Eltern und Lehrer sind dabei die zentralen Bezugspersonen, auch als Abgleich für das kindliche Selbst. Die Möglichkeit in einem geschützten Rahmen Bedürfnisse und Gefühle ausleben zu dürfen, aber auch dessen Grenzen kennenzulernen, befördert das soziale Verhalten, formt das gesellschaftliche Wesen. Umgekehrt kann Vernachlässigung und Fehlverhalten erheblichen psychischen Einfluss entfalten, dessen Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter reichen.

Mehr Stoff, weniger Zeit die Sorgen der Schüler

Vor wenigen Wochen erschütterte es das Land, als sich eine Elfjährige in Berlin das Leben nahm. Sie war in der Vergangenheit massiv gemobbt worden. Hier versagte das Umfeld offensichtlich auf zwei Seiten: Das Mädchen hatte zu wenig Unterstützung. Auf der anderen Seite sind Täter oft selbst Opfer schwerwiegender Vernachlässigung. Denn junge Menschen geben unbewusst vorgelebte Muster an ihre Umwelt weiter.

Doch die Verantwortung kann nicht nur auf der individuellen Ebene gesucht werden. An deutschen Schulen fehlen derzeit knapp 40.000 Lehrer. Tausende Stellen werden mit Seiteneinsteigern, Pensionären und Studenten notdürftig besetzt. Auch weil über die Jahre das Leistungsparadigma in der Schule zunahm, scheint der Beruf unattraktiv geworden zu sein. Mehr Stoff, weniger Zeit für die Sorgen der Schüler.

Gesamtgesellschaftlich ist die Zahl der Mehrfachbeschäftigten in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich gestiegen. Millionen von Menschen müssen in ihrer Freizeit weiterarbeiten, da es sonst zum Leben nicht reicht. Für elementare Bedürfnisse von Kindern, wie Zuhören und Trösten, reicht die Zeit da oft nicht mehr aus.

Die Bertelsmann-Stiftung schlägt ein steuerfinanziertes Teilhabegeld vor. Eine Art finanzielle Direktleistung, die besonders arme Heranwachsende unterstützt und bis zum 25. Lebensjahr gezahlt werden soll. Ein Anfang - doch das reicht noch lange nicht. Seit Jahren sind massive gesellschaftliche Erosionen in Deutschland zu beobachten. Umso dringender scheint es geboten, endlich auf da verlässlichste, gesellschaftliche Frühwarnsystem zu hören: Kinder sind die besten Seismografen für soziale Missstände.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

15 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben