• Studie zu religiösen Einstellungen: Katholiken stehen Muslimen kritischer gegenüber als Protestanten

Studie zu religiösen Einstellungen : Katholiken stehen Muslimen kritischer gegenüber als Protestanten

Laut einer Studie des US-Forschungsinstituts "Pew Research Center" ist die Ablehnung gegenüber Muslimen bei Christen in Westeuropa eher ausgeprägt als bei Nicht-Christen.

Frau mit Burka: Die Mehrheit der Menschen in Westeuropa ist gegen gegen ein solches Outfit.
Frau mit Burka: Die Mehrheit der Menschen in Westeuropa ist gegen gegen ein solches Outfit.Foto: imago/imagebroker

Jeder dritte Deutsche lehnt Muslime als Familienmitglieder ab. Das geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Studie des US-Forschungsinstituts „Pew Research Center“ hervor. Der Umfrage zufolge sind in Deutschland nur 55 Prozent der Befragten bereit, Muslime als Familienmitglieder zu akzeptieren. 33 Prozent lehnen dies hingegen ab.

Das „Pew Research Center“ hat im vergangenen Jahr in Deutschland und 14 weiteren westeuropäischen Ländern insgesamt mehr als 24.000 Menschen nach Themen wie Identität, Integration und Miteinander der Religionen befragt. Laut der Studie mit dem Titel „Christ sein in Westeuropa“ gab die Mehrheit der Befragten an, Muslime und Juden in ihrer Nachbarschaft und in ihren Familien zu akzeptieren.

In der Umfrage wurden im Detail die Einstellungen von praktizierenden Christen, die mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen, nicht praktizierenden Christen, welche lediglich ein paar Mal pro Jahr in die Kirche gehen, und Konfessionslosen untersucht. Das Ergebnis: In Westeuropa äußern Christen – egal ob sie häufig oder selten in die Kirche gehen – laut der Studie eher als Konfessionslose negative Ansichten über Einwanderer, Muslime und Juden.

Grundsätzlich ist demnach die Ablehnung gegenüber Muslimen größer als gegenüber Juden. In Deutschland sagten 69 Prozent der Befragten, sie würden Juden als Familienmitglieder akzeptieren. 19 Prozent lehnten dies ab. Offen für die Aufnahme von Muslimen als Familienmitgliedern zeigt sich ebenfalls eine Mehrheit – sowohl in Deutschland als in Westeuropa insgesamt.

Konfliktstoff birgt allerdings die Frage, ob der Islam mit den Werten und der Kultur in den jeweiligen Ländern vereinbar ist. In Deutschland sieht eine knappe Mehrheit von 46 Prozent keinen fundamentalen Widerspruch zwischen dem Islam und der hiesigen Kultur. 44 Prozent halten hingegen den Islam für grundsätzlich nicht kompatibel mit Kultur und Werten in Deutschland. Besonders ausgeprägt ist die Ablehnung des Islam nach den Angaben des „Pew Research Center“ in Italien und Finnland.

Mehrheit gegen Burka

Kritisch wird auch der mit dem Islam einhergehende Dresscode gesehen. Eine deutliche Mehrheit von 72 Prozent der Befragten in Westeuropa sprach sich dafür aus, dass Musliminnen entweder ihr Gesicht nicht verhüllen oder gleich ganz auf religiöse Kleidung verzichten sollten. In Deutschland stimmten 50 Prozent der Aussage zu, dass religiöse Kleidung erlaubt sein sollte, solange das Gesicht dabei zu erkennen ist. 24 Prozent sprachen sich hingegen grundsätzlich gegen religiöse Kleidung bei Musliminnen aus. Dabei zeigten sich die Deutschen etwas restriktiver als der Durchschnitt sämtlicher 15 Länder. In Westeuropa sprachen sich im Schnitt 22 Prozent mit Blick auf die religiöse Kleidung für ein Komplettverbot aus. 25 Prozent der Deutschen sprachen sich allerdings auch dafür aus, dass Musliminnen in ihrer Kleiderwahl völlig frei sein sollten.

Der Umfrage zufolge stehen Katholiken eher als Protestanten den Muslimen kritisch gegenüber. So tendieren in Westeuropa Katholiken mehr als Protestanten dazu, Muslime als Familienmitglieder abzulehnen und ein Verbot religiöser Kleidung für Musliminnen zu befürworten. Auch Überfremdungsängste sind unter Katholiken weiter verbreitet als unter Protestanten. In Deutschland stimmten unter den befragten Katholiken 31 Prozent der Aussage zu, sich aufgrund der hohen Anzahl von Muslimen „wie ein Fremder im eigenen Land“ zu fühlen. Unter den Protestanten kamen hierzulande nur 19 Prozent zu dieser Auffassung.

Mehrheit der Christen in Westeuropa besucht nur selten die Kirche

Unterdessen übersteigt in Westeuropa die Zahl der Gelegenheitskirchgänger trotz der zuletzt stark gestiegenen Einwanderung aus dem Nahen Osten und Nordafrika die Zahl aller anderen Religionsangehörigen zusammen – also etwa Muslimen, Juden, Hindus oder Buddhisten. In Deutschland liegt der Anteil dieser gelegentlichen Gottesdienstbesucher bei 49 Prozent. Der Anteil derjenigen, die häufiger in die Kirche gehen, liegt hierzulande bei 22 Prozent. Dabei liegt Deutschland im westeuropäischen Trend: Auch in Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Irland, den Niederlanden, Norwegen, Portugal, Spanien, Schweden, der Schweiz und Großbritannien bilden die Gelegenheitskirchgänger die größte Gruppe. Lediglich in Italien halten sich nicht praktizierende und praktizierende Christen die Waage.

SPD-Religionsbeauftragter Castellucci fordert "Räume für Begegnungen"

„Die Studie zeigt: Religionen tragen das Potenzial zum Frieden und zum Miteinander in sich, ebenso wie das Potenzial zur Zwietracht“, sagte Lars Castellucci, Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion, dem Tagesspiegel angesichts der Ergebnisse der Studie. „Es ist immer eine Frage, was Menschen daraus machen“, sagte Castellucci weiter. Der SPD-Abgeordnete forderte „Geduld und Zuversicht“: „Vor 50 Jahren fanden es noch viele unvorstellbar, wenn ein Katholik eine Protestantin heiraten wollte. Das haben wir überwunden. Wir können auch die anderen Gräben überwinden. Das geht nicht von selbst, daran müssen wir auch arbeiten“, so Castellucci.

„Wo Menschen sich begegnen, kennenlernen und Beziehungen aufbauen, schwinden Ängste und Vorurteile merklich“, sagte der Religionsbeauftragte weiter. „Wir laufen alle viel zu viel nebeneinander her. In unserer ausdifferenzierten Gesellschaft braucht es Räume und Plattformen für Begegnungen und Austausch.“ Wenn man derartige Räume zur Begegnung unterstütze, könne Deutschland „zu einem Modell für gutes Zusammenleben in einer vielfältiger werdenden Gesellschaft werden“.

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