Talkshows, Gauland und der Islam : Die Harmoniesucht wird autoritär

Soll Gauland noch in Talkshows auftreten? Soll in Talkshows über den Islam diskutiert werden? Wer glaubt, es gäbe keine Ressentiments ohne deren Verbreiter, irrt. Ein Kommentar.

Im Fernsehstudio noch erwünscht? AfD-Chef Alexander Gauland bei "Anne Will".
Im Fernsehstudio noch erwünscht? AfD-Chef Alexander Gauland bei "Anne Will".Foto: imago/Jürgen Heinrich

Innerlich bebte ich vor Zorn. Jeder seiner Sätze traf mich ins Herz. Es war Anfang November 1995, wenige Tage nach der Ermordung des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin. An Rabin hatten sich die Friedenshoffnungen geknüpft. Im Rahmen meiner Recherche über die Stimmung im Land besuchte ich den Sprecher der Siedlerbewegung, Elyakim Haetzni. Haetzni stammt aus Kiel, war 1938 nach Palästina eingewandert, hört Bach und Beethoven, liest Werke von Dostojewski, Voltaire und Günter Grass. Jetzt spottete Haetzni –- über die Anhänger der „Friedenskirche, die ihrem neuen Heiligen, dem St. Jitzchak, ein Mausoleum bauen werden“.

Dann wetterte er über die Rabin-Regierung. „Sie will uns das Land unter den Füßen rauben, das Land der Bibel, das Heilige Land, ohne das der Staat Israel völlig sinnlos ist.“ Da helfe nur Widerstand. Sogar in Hitler-Deutschland habe es Offiziere gegeben, die verstanden hätten, dass ihre Regierung das deutsche Volk ins Verderben führt. „Manchmal muss es eben zu Katastrophen kommen.“

Journalisten kennen solche Momente. Sie werden mit Ansichten konfrontiert, die sie empören. Aber es ist nicht ihre Aufgabe, empört zu sein, sondern auch jene Wirklichkeit abzubilden, mit der sie nichts gemeinsam haben. Das kann anstrengend sein. Die Faust ballt sich in der Tasche. Aber es wäre falsch, den politischen Gegner so zu behandeln, wie dieser glaubt, seine Gegner behandeln zu müssen – durch Ausgrenzung, Redeentzug, Niederbrüllen. Für angelsächsische Kollegen ist es selbstverständlich, Interviews mit Osama bin Laden, Mahmud Ahmadinedschad oder Recep Tayyip Erdogan zu führen. Über den Verdacht, Terroristen oder Despoten eine Plattform zu bieten, sehen sie sich erhaben.

Es nützt nichts, die Medien zu pädagogisieren

Wie klein und unsouverän wirkt vor diesem Hintergrund die Debatte darüber, ob Alexander Gauland noch zu Talkshows eingeladen oder in ihnen über den Islam diskutiert werden darf. Ich halte Gauland für einen Hetzer und die Islamisierung der Flüchtlings- und Integrationsdebatte für fatal. Das Buch „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq erinnert mich an das achtseitige Exposé von Steve Bannon mit dem Titel „Destroying the Great Satan: The Rise of Islamic Fascism in America“, das er 2007 geschrieben hatte und das als Vorlage für einen Film geplant worden war. Der Plot: Radikale Muslime übernehmen das Land, aus dem Kapitol sind „Allahu-Akbar“-Rufe zu hören, Intellektuelle, Medien und die Regierung wiegeln ab und pflastern dem Bösen den Weg. Ich bin dafür, dass sich demnächst eine Talkshow mit der zunehmenden Islamfeindschaft, deren Ursachen und Folgen befasst.

Doch es nützt nichts, die Medien zu pädagogisieren und sie an dem Maßstab zu messen, ob sie niemandem wehtun, keinen verletzen, den Konsens nicht stören. AfD-Chef Gauland hat gesagt: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ Das ist widerlich. Was an den Reaktionen allerdings überrascht, ist die Überraschung, die in ihnen zum Ausdruck kommt. Denn mit der Äußerung Gaulands wird ja kein Tabu gebrochen, das in den Köpfen vieler Deutschen nicht schon längst in Trümmern liegt.

Im April 2001 führte Emnid im Auftrag des „Spiegel“ eine repräsentative Umfrage durch. Dem Satz „Die deutsche Geschichte wird zu stark auf die zwölf Jahre des Nationalsozialismus reduziert“ stimmten 65 Prozent der Befragten zu. Dem Satz „Man sollte die NS-Vergangenheit endlich auf sich beruhen lassen und nicht immerzu in alten Wunden stochern“, stimmten 61 Prozent zu. Die Daten sind 17 Jahre alt. Aber für die Annahme, dass sich die Einstellungen seitdem gravierend verändert haben, gibt es keine Indizien.

"Das lateinische Verb tolerare meint das Ertragen des Anderen"

Die AfD macht den Stammtisch publik. Das schockiert vor allem jene, die nie am Stammtisch saßen. Menschen wie Gauland sind Verkünder oft weit verbreiteter Ressentiments. Wer glaubt, es gäbe solche Ressentiments ohne deren Verkünder nicht, irrt.

Für die Frage, wie Medien mit Andersdenkenden umgehen sollen, gilt, was Margot Käßmann einst in Bezug auf den Umgang mit Migranten gesagt hat: „Statt Harmoniesucht brauchen wir einen respektvollen Dialog, ein interessiertes Anerkennen der Fremdheit anderer – und der eigenen Fremdheit für andere. Nicht zuletzt meint das lateinische Verb tolerare das Ertragen des Anderen, also auch das Ertragen der Differenz.“

Wer die Polarisierung der Gesellschaft beklagt, aber Differenzen nicht erträgt, vergrößert die Polarisierung. Es ist widersinnig, das dumme Gerede der Rechtspopulisten von der „Lügenpresse“ und den „Mainstream-Medien“ zu kritisieren, sich aber gegenüber gewählten Vertretern des Bundestages abzuschotten und Mitgliedern der größten Oppositionspartei eine öffentliche Resonanz zu verwehren.

Bei „Charlie Hebdo“ verteidigen wir Journalisten vehement das Recht darauf, anderen Menschen durch Zeichnungen, Polemik und Satire weh tun zu dürfen. Aber wenn unser eigenes Wertesystem herausgefordert wird, tun wir so, als diene die Einladung zu einer Talkshow nicht etwa der Information, sondern sei eine Art Gunstbezeugung gegenüber dem Eingeladenen, eine Ehre, die man diesem zuteilwerden lässt – oder eben nicht.

Wo anfangen, wo aufhören? Antisemitismus, Rassenhass, Aufruf zur Gewalt, Holocaust-Leugnung: Das ist verboten und sollte daher streng geahndet werden. Problematisch wird’s darunter. Sahra Wagenknecht etwa, eine der häufigsten Talkshowgäste, fand einst lobende Worte über die Stalinzeit. Diese brachte „die Überwindung von Elend, Hunger, Analphabetismus, halbfeudalen Abhängigkeiten und schärfster kapitalistischer Ausbeutung“ und den „Sieg über Hitlers Heere, die Zerschlagung des deutschen und europäischen Faschismus sowie die Ausweitung sozialistischer Gesellschaftsverhältnisse über den halben europäischen Kontinent“. Man frage einmal ein Mitglied der „Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft“, was er davon hält.

Das Gesetz entscheidet, was von der Meinungsfreiheit gedeckt ist

Ertragen der Differenz: Das ist eine Tugend nach Innen und nach Außen, im Verhalten gegenüber Fremden und als fremd Empfundenen. Allein das Gesetz entscheidet, was von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Wer statt dessen seine eigenen Maßstäbe anlegt, öffnet der Willkür die Tür, dann nämlich entscheidet die Macht des jeweils Stärkeren. Das gilt für private Medien wie für öffentlich-rechtliche Sendeanstalten.

Mich trennen Welten – vom ehemaligen Siedlersprecher Elyakim Haetzni ebenso wie von Alexander Gauland, von den Feinden der Religionsfreiheit innerhalb der AfD ebenso wie von der amerikanischen, erzreaktionären Provokateurin Ann Coulter. Dieser wurde vor einem halben Jahr von der Universität Berkeley das Rederecht entzogen. Dagegen protestierten gemeinsam die PEN-Chefin Suzanne Nossel, der liberale Fernsehmoderator Bill Maher, der linke Ex-Rivale von Hillary Clinton, Bernie Sanders, und diverse amerikanische Bürgerrechtsorganisationen.

Differenzen ertragen: Das müssen Deutsche, die mit sich und anderen klarkommen wollen, noch intensiv üben.

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