Freitag vor fünf Jahren mordete Anders Behring Breivik

Seite 3 von 3
Terror in München : Eine ganze Stadt im Ausnahmezustand
Das Einkaufszentrum in München-Moosbach von oben.
Das Einkaufszentrum in München-Moosbach von oben.Foto: dpa

Es ist ja auch nicht so, dass es nur den islamistischen Terror gibt. Trittbrettfahrer sind nun überall unterwegs, von rechts bis links, offenbar beseelt davon, zu töten. Manche radikalisieren sich so schnell, dass man es nicht zu glauben vermag, andere versinken in die kruden Theorien der Terroragenten. Der gestrige Freitag, der 22. Juli, war auch der Tag vor fünf Jahren, an dem der Norweger Anders Behring Breivik 90 Minuten lang Amok lief, angetrieben von Fremdenhass und Wahnsinn, und dabei 77 Jugendliche in ihrem Feriencamp tötete.

Die Bilder vom Freitagabend werden uns verfolgen, denn sie sind unser Albtraum: Rennende Polizisten mit Maschinenpistolen, die Hände am Abzug. Beamte eines Spezialkommandos, die ein angrenzendes Parkhaus stürmen, mit geduckten Köpfen. Wann hat es solche Bilder in Deutschland zuletzt gegeben? In München kann man das genau datieren. Es war der 5. September 1972, als acht bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September das Wohnquartier der israelischen Mannschaft während der Olympischen Sommerspiele in München stürmten und elf Mannschaftsmitglieder als Geiseln nahm. Damals wurde auch die Anti-Terroreinheit der Bundeswehr, die GSG9, gegründet, die nun mit Polizei-Hubschraubern über der Stadt kreist.

Damals gingen die Spiele einfach weiter, eine undenkbare, unmögliche Entscheidung aus heutiger Sicht. 1980 wurde München noch einmal vom Terror erschüttert: 13 Menschen starben beim Oktoberfestattentat. Am Freitagabend, spätestens als die ersten Bilder von fliehenden Menschen laufen, von Eltern mit ihren Kindern auf dem Arm, werden überall in der Stadt schnelle, spontane und sehr nachvollziehbare Entscheidungen getroffen: Es wird alles abgesagt, was an öffentlichen Veranstaltungen stattfinden sollte, die Dinge, die Events, die schon laufen, werden abgebrochen. Beim Tollwood-Festival tritt an diesem Abend Mark Foster auf. Nach der Schießerei spielt er zunächst, um die Menschen nicht zu beunruhigen, weiter. Später wird das Gelände evakuiert, und die Nachtklubs der Stadt machen die Schotten dicht.

Kurz nach 21 Uhr improvisiert die Münchner Polizei eine Pressekonferenz. Der Sprecher benennt erstmals die Zahl der Opfer: Fünf Tote, mehrere Verletzte. Die Polizei suche im gesamten Stadtgebiet nach den Tätern, sagt er. Die Reporter rücken mit ihren Mikrofonen noch etwas näher. Einer will wissen, woher sie denn wüssten, dass die Attentäter nicht schon geflohen seien. Der Polizist muss sich kurz sammeln, er sagt dann ruhig: „Weil wir sehr schnell sind. Und weil wir auch um die Stadt herum umfangreiche Fahndungsmaßnahmen durchführen.“

Kaum ist die eilig einberufene Konferenz vorbei, korrigiert sich die Polizei auf Twitter. Es sind acht Tote. Und niemand kann mit Gewissheit sagen, wie viele es noch werden.

Was jeder einzelne Mensch, der an den Tatorten war, wirklich durchgemacht hat, kann man nur erahnen. Hört man genau zu, dann spürt man, was es aus den Menschen machen wird, die dabei waren und die überlebt haben. Eine Frau, die in der Nähe des McDonald’s war, als die Schüsse fielen, berichtet später Reportern des Bayerischen Rundfunks von ihrem Erlebnis. „Wir haben uns gerade angestellt, dann ist Panik ausgebrochen.“ Sie sagt das so dahin, erst einmal, dann ringt sie um Fassung, zieht immer wieder an ihrer Zigarette, dann erst kann sie weitererzählen: „Zuerst sind die Arbeiter raus gerannt, dann alle hinter her. Die Kinder haben geschrien, alle übereinander – die sind panisch ausgerastet.“ Den Täter habe sie nicht gesehen. Nur gehört, drei Schüsse, sagt sie: „Bang, Bang, Bang.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!