Politik : Terrorlabor Irak

Al Qaida experimentiert mit Chlorgasanschlägen. Sicherheitsexperten befürchten Einsatz auch im Westen

Frank Jansen

Berlin - Vier Jahre nach Beginn des Krieges im Irak wird das Land offenbar zum Experimentierfeld neuer Methoden des Terrors. Im Februar begann eine Serie von Anschlägen, bei denen Chlorgas eingesetzt wurde. Ende vergangener Woche eskalierte der neuartige Terror: Zwei Selbstmordattentäter sprengten sich nahe der Stadt Falludscha in je einem Lastwagen, beladen mit flüssigem Chlorgas, in die Luft. Außerdem explodierte an einem Kontrollpunkt der Polizei bei Ramadi eine Chlorgasbombe. Insgesamt starben bis zu acht Menschen, 350 wurden verletzt. Die Symptome: Verätzungen, Haut- und Lungenreizungen, Übelkeit. Außerdem wurde bei Falludscha eine Bombenwerkstatt entdeckt. Laut US-Militär hatten dort Al-Qaida-Leute Sprengsätze mit Chlorgas hergestellt. In deutschen Sicherheitskreisen wächst nun die Sorge, dass die Terrororganisation im Irak eine neue Methode ausprobiert – um sie bei „Erfolg“ auch im verhassten Westen anzuwenden.

Bislang dominierte im „Heiligen Krieg“ der Einsatz von Sprengstoff. In den klassischen Varianten: Die Dschihadisten besorgen sich industriell gefertigte Explosivmittel oder mixen Laborate zusammen, zunehmend nach Lektüre einschlägiger Anleitungen im Internet. Doch nun zeichne sich ab, dass die Terrorszene auch unkonventionelle Stoffe wie das bereits im Ersten Weltkrieg eingesetzte Chlorgas verwendet, heißt es in Sicherheitskreisen.

Schon lange wird befürchtet, Al Qaida könnte mit nuklearen, biologischen oder chemischen Giftstoffen angreifen. Die Sorgen bestätigten sich nicht, da die Terroristen weder das nötige Wissen noch genügend Material beschaffen konnten, um beispielsweise eine mit radioaktiven Abfällen gespickte „schmutzige Bombe“ zu basteln. Jetzt aber scheine es Al-Qaida-Gruppen gelungen zu sein, im Irak an vermutlich industriell produziertes Chlorgas heranzukommen, sagen Sicherheitsexperten. Der Stoff findet bei Chemiefirmen reichlich Verwendung.

Neben den unmittelbaren Folgen eines Anschlags mit Chlorgas in einer Großstadt fürchten Sicherheitsexperten die Panik, die in der Bevölkerung ausbrechen könnte. Andererseits wird davor gewarnt, die Gefahr eines Chlorgasanschlags zu übertreiben. Giftstoffe würden in der Industrie scharf bewacht.

Ob der Katastrophenschutz in Deutschland auf Anschläge mit Chlorgas eingestellt ist, erscheint unklar. Auf Anfrage verweist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf die Feuerwehr in den Ländern. „Schadenslagen mit Chlorgasausströmung werden geübt“, sagt Matthias Pruß, Referatsleiter für technische Aus- und Fortbildung bei der Berliner Feuerwehr. Doch auf eine „schlagartige Freisetzung von Chlorgas durch Bomben“ könne man sich nur schwer vorbereiten. „Die Chlorgaswolke fangen wir nicht mehr ein“, sagt Pruß. Man könne nur versuchen, so schnell wie möglich die Bevölkerung zu warnen und die Verletzten zu versorgen.

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