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Thilo Sarrazin : Eitelkeit und Fegefeuer

Die Würde und Schönheit der europäischen Metropolen, deren Historie und imperiale Macht, das hielt Sarrazin stets gefangen. Zeitweilig erwog er, Geschichte zu studieren oder Fotograf zu werden, um die Dinge, die ihm gefielen, für immer festhalten zu können. Dann aber zog es ihn zur Ökonomie. Fast bruchlos machte er nach Abitur und Wehrdienst Karriere. Diplom, Promotion, wissenschaftlicher Angestellter, Bundesministerien, Treuhandliegenschaftsgesellschaft, Deutsche Bahn, Staatssekretär in Rheinland-Pfalz, Finanzsenator. Ein akribischer, kühler Rechner, schonungs- und kompromisslos in seinen Analysen, ein Besserwisser und Mann fürs Grobe.

Manches an Sarrazin erinnert an Hjalmar Schacht, der 1923 vom Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann zum Präsidenten der Reichsbank ernannt wurde. Schacht hatte 1918 die links-liberale Deutsche Demokratische Partei mitgegründet, er galt als unduldsame, höchst arrogante Intelligenzbestie. Ein Egomane und Querulant, aber eben auch ein hervorragender Nationalökonom und genialer Statistiker. Der politischste Kopf, den die Reichsbank nur haben konnte. In den späten Jahren der Weimarer Republik glitt Schacht in die rechtskonservative Ecke ab und stellte seine reichhaltigen Talente nach 1933 den Nationalsozialisten zur Verfügung. Ohne selbst NS-Mitglied zu sein, aber er fand die Nazis „schneidig“. Nach dem Krieg schloss sich Schacht der rechtsextremen Gesellschaft für freie Publizistik an.

Ein Vorbild? Das sollte man Sarrazin nicht unterstellen, aber es gibt, ohne falsche historische Parallelen ziehen zu wollen, verblüffende Ähnlichkeiten im Charakter, den Fähigkeiten und der persönlichen Entwicklung. Gewiss ist der Bundesbank-Vorstand und ehemalige Finanzsenator, der 1990 die deutsche Währungsunion maßgeblich konzipierte, kein Mitläufer oder gar eine kommende Führungsfigur rechtspopulistischer oder neonazistischer Parteien. Aus dem eigenen Selbstverständnis heraus muss Sarrazin deren Personal und Anhängerschaft verachten. Weil er diese Leute mit Sicherheit für tumb – und weitgehend der Unterschicht zugehörend – erachtet.

Trotzdem hat sich der Mann im Nadelstreifenanzug, der am liebsten mit hochgerecktem Kinn und verschränkten Armen posiert, seit etwa drei Jahren Schritt für Schritt der Sprache und den Kernaussagen politischer Gruppen angenähert, die Fremdenhass schüren und sich auf den Endkampf gegen die islamische Weltherrschaft vorbereiten. Ein Agent provocateur, der unvermittelt begann, mit dem Hinweis auf die extraordinär hohen Sozialkosten des Landes Berlin die bildungsfernen Schichten und Langzeitarbeitslosen analytisch gnadenlos zu begutachten.

Mit großem Geschick setzte der Finanzsenator dafür die öffentlichen Medien in Bewegung. Mit Reden, bunten Grafiken und Hintergrundgesprächen. Als er zum ersten Mal eine kleine Runde von Journalisten nicht nur in die Geheimnisse des nächsten Landeshaushalts einweihte, sondern den dringenden Wunsch äußerte, wenigstens einen Teil der Hartz- IV-Empfänger irgendwie aus der Stadt zu kriegen, waren alle verblüfft. Manche schockiert, andere fanden, dass Sarrazin mit seinem schwarz-humorigen Charme ein tatsächlich vorhandenes Problem anfasste. Verknüpft mit markigen Sprüchen, die einen hohen Unterhaltungswert hatten. Die öffentliche Resonanz wird ihn ermutigt haben, weiterzumachen, allerdings zog das Regierungsamt im rot-roten Berlin vorerst Grenzen. Im Juni 2008 musste sich Sarrazin auf dringende Weisung des Regierungschefs Wowereit für eine kritische Äußerung gegen den Mindestlohn („Ich würde jederzeit für fünf Euro arbeiten“) in geradezu erniedrigender Weise öffentlich entschuldigen. „Eine dämliche Äußerung“, sagte er im Interview. Eine stärkere Selbstdisziplinierung dürften künftig alle von ihm erwarten.

Das konnte aus heutiger Sicht nur taktisch gemeint sein. Damals wusste Sarrazin schon, dass er bei halbwegs skandalfreiem Verhalten – auf Vorschlag Berlins und Brandenburgs – in die Führung der Bundesbank einziehen durfte. Im Mai 2009 war es so weit. Der langjährige Manager, Spitzenbeamte und Regierungspolitiker wurde in die größtmögliche Unabhängigkeit entlassen. Im Turm der Bundesbank in Frankfurt am Main saß er endlich ganz oben, befreit von fast jeder Rücksichtnahme, die dem kreativen Denken und der Veröffentlichung neuer Thesen noch Einhalt gebieten könnte.

Sarrazin liebt den öffentlichen Auftritt, weil er eitel ist und eine Mission hat. Und er entwickelt seine Positionen weiter, um die Lebenswirklichkeit mit seinem Weltbild in Einklang zu bringen: Wie ist ein ordentliches, fleißiges Deutschland wiederherzustellen? Mit einer ethnisch homogenen Bevölkerung, die über gute Gene verfügt? Dass die NPD ihn dafür eingemeindet, mag Sarrazin nicht passen, aber worüber soll er sich beschweren?

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