Tierversuche von VW : "Das Testverfahren ist völlig inadäquat"

Der Neurowissenschaftler Stefan Treue kritisiert die Affenversuche von VW. Aber er sagt auch: Tierversuche sind notwendig.

Tierversuche im Max-Delbrück-Institut in Berlin.
Tierversuche im Max-Delbrück-Institut in Berlin.Foto: Mike Wolff,Tsp

Seit Bekanntwerden der Tier- und Menschenversuche im Auftrag der Autoindustrie wird darüber wieder laut diskutiert. Ein Test, wie ihn VW durchführen ließ, würde in Europa nicht genehmigt, ist der Neurowissenschaftler Stefan Treue überzeugt.

Herr Treue, warum sind Tierversuche notwendig?

Tierversuche spielen eine wichtige Rolle in den Bereichen, wo wir Fragestellungen nicht mit Alternativmethoden wie Computermodellen, Zellkulturen oder Ähnlichem beantworten können – etwa in der Infektions- oder Herzkreislaufforschung oder der Neurowissenschaft. Diese Versuche müssen aber bestimmten Bedingungen genügen.

Sind demnach auch die von VW initiierten Experimente an Affen, die Dieselabgase einatmen mussten, nötig?

Anhand der bisher bekannten Details ist mit ziemlicher Sicherheit auszuschließen, dass das in Europa genehmigungsfähig gewesen wäre. Erstens sind die wissenschaftliche Fragestellung und das Testverfahren völlig inadäquat. Es ist wissenschaftlich kaum zu begründen, warum man Tiere ein paar Stunden einer Gasmischung aussetzt, um dann weitreichende Schlussfolgerungen darüber zu ziehen, wie gefährlich Dieselabgase im Straßenverkehr sind. Viel weiter entfernt von der Realität kann die Studie nicht sein. Zweitens ist die Fragestellung nicht von essenzieller Bedeutung, denn wir wissen längst, dass Dieselabgase giftig sind. Drittens hätten die Versuchsleiter extra begründen müssen und schwerlich können, warum das Experiment ausgerechnet an Primaten und keiner anderen Tierart durchgeführt werden muss.

Wird bei der Genehmigung von Tierversuchen berücksichtigt, wer der Auftraggeber und wie die Interessenlage ist?

Das sollte zunächst einmal keine Rolle spielen. Man kann Firmen nicht automatisch unterstellen, dass sie unethisch oder unwissenschaftlich arbeiten. Vielmehr sollte sichergestellt sein, dass die Ergebnisse und Methodik einer Studie veröffentlicht werden, sodass Experten und Öffentlichkeit Sinn und Zweck diskutieren können. Bei der Affenstudie ist das nicht passiert. Zwar haben Firmen das Interesse, Informationen vor dem Zugriff von Konkurrenten zu schützen, aber gerade im Bereich Tierversuche wäre es besonders wichtig, dass alle Studienergebnisse immer publiziert werden, um öffentliche Kontrolle zu ermöglichen.

Stefan Treue ist Neurowissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum.

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