Tragödie und Rechtsordnung : Carola Rackete ist Sophokles' Antigone unserer Zeit

Sophokles' "Antigone" liefert die Folie, auf der sich das Drama um Carola Rackete abspielt. Die Parallele zeigt die Bedeutung für die Rechtsordnung.

Demonstranten fordern die Freilassung von Carola Rackete.
Demonstranten fordern die Freilassung von Carola Rackete.Foto: AFP

Zum ersten Mal erzwingt sich ein Rettungsschiff den Zugang zu einem Hafen. Italien versteht das als aggressiven Akt und verweist auf ein Polizeiboot, das bei dem Manöver "berührt" worden sei.

Tatsächlich zeigen Videoaufnahmen der nächtlichen Aktion, das ein Motorboot der Küstenwache zwischen Sea Watch 3 und Kaimauer eingekeilt zu werden droht, als das 50 Meter lange ehemalige Arbeitsschiff anzulegen versucht. Die Polizisten erkennen, dass sie mit ihrem kleinen Gefährt nichts ausrichten können und versuchen durch die schmaler werdende Lücke zu entkommen. Dabei wird es kurz angerempelt, kommt aber wieder frei. 

Ein Präzedenzfall wird geschaffen

Die Kapitänin hat sich für das Einlaufen in Lampedusa in der Nacht entschieden, "weil der Hafen dann leer ist", wie sie in einer Videobotschaft mitgeteilt hat. Sie glaubte nach wochenlangem Tauziehen mit der italienischen Regierung, eine Entscheidung erzwingen zu müssen über den Verbleib der etwa fünfzig Flüchtlinge auf ihrem Schiff. Sie dürfte sich über die persönlichen Konsequenzen im Klaren gewesen sein. Also verließ sie ihre Warteposition in Sichtweite der italienischen Insel und schaffte einen Präzedenzfall.

Es ist die nächste Eskalationsstufe in einem Kampf, bei dem beide Seiten der jeweils anderen die Verletzung von Gesetzen vorwerfen. Es ist ein Kampf, der weit in die abendländische Geschichte und bis zu Antigone zurückreicht, jener Heldin der gleichnamigen Tragödie von Sophokles, die sich über den Befehl des Herrschers von Theben hinwegsetzt und ihren auf dem Schlachtfeld vor den Mauern der Stadt gefallenen Bruder bestattet. Sophokles' "Antigone" liefert die Folie, auf der sich auch das Drama um Carola Rackete abspielt. Und wer glaubt, dass es sich dabei nur um eine altphilologische Petitesse handelt, verkennt die große Bedeutung, die Antigones Fall für die europäische Rechtsgeschichte spielt.

Zerrissen zwischen zwei Rechtssphären

Der Philosoph Friedrich Hegel griff in seinem Hauptwerk auf Sophokles' Stück in einer Weise zurück, wie das in dieser Intensität selten geschehen ist in der Aufklärung. Hegel wollte das Tragische überwinden und dass es nicht mehr zu unlösbaren Konflikten kommen würde. Und dasselbe will die Rechtsordnung moderner Staaten ebenfalls, die sich im europäischen Bund einen erweiterten Rechtsrahmen geschaffen hat. Für Hegel, den Erfinder der Dialektik, stellte Antigones Zerrissenheit zwischen zwei Rechtssphären den Urstoff des tragischen Seins dar. Sie, Tochter aus königlichem Hause, verweigert sich dem Bestattungsverbot Kreons, des neuen Herrschers ihrer Heimatstadt. Sie geht hinaus vor die Tore, wo ihr getöteter Bruder als einziger liegen geblieben ist und schichtet Steine über seinen Leichnam, damit die Vögel sich nicht an seinem Körper bedienen. Sie tut es im Namen eines älteren griechischen Rechts, das der Bestattung der Toten sehr hohen Stellenwert einräumt. (Die Waisen sagen, dass man das Orakel sonst nicht mehr lesen könne, da die Vögel im Blutrausch unberechenbar würden.)

Was nützen Gesetze der Kapitänin Rackete?

Kreon jedoch will mit seinem Befehl ein Exempel statuieren. Und er hat gute Gründe dafür. Theben ist zerfallen und am Ende seiner Kraft. Kreons Bann trifft einen Mann, der zum Landesverräter und Kriegsverbrecher geworden war. Um das Chaos der Bürgerkriege in Theben zu beenden, konstituiert er ein neues, staatliches Recht, dessen Autorität vor allem in der Abspaltung äußerer Gefahren gründet.

Die Parallelen zur Gegenwart und zu Innenminister Salvini sind augenfällig. Es scheint sich zu wiederholen, was Hegel in der "Phänomenologie des Geistes" aufzuheben hoffte. Dass nämlich staatliches gegen universelles Recht steht und Menschen zwischen beidem zerrieben werden. Die europäische Rechtsordnung will tragische Konstellationen dieser Art eigentlich ausräumen und hat Gesetze und Zuständigkeiten hierarchisch sortiert. Aber was nützt das jetzt Kapitänin Rackete, die bestraft werden soll? Vor dem Europäischen Gerichtshof dürfte sie Recht bekommen. Bis dahin jedoch ist sie eine tragische Figur, die tat, was getan werden musste und sich geopfert hat.

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