Trauerspiel um den Parteivorsitz : Die SPD ist eine Kandidatur wert

Auf der Suche nach einer neuen SPD-Spitze sagen alle ab, noch ehe sie gefragt werden. Damit sie gar nicht gefragt werden? Das wäre eine Schande. Ein Kommentar.

Wer folgt auf die ehemalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles?
Wer folgt auf die ehemalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles?Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Neun Vorsitzende der SPD sehen sich aufgerufen, ihren Genossen gemeinsam ins Gewissen zu reden. Endlich! Denn über Solidarität zu reden, sie aber nicht zu praktizieren, ist einer Partei, zu deren Markenkern Solidarität gehört, unwürdig. Ein Trauerspiel. Und wenn sie es nicht mehr können, die Sozialdemokraten, dann müssen sie es doch einüben.

Das ist doch eine Chance: sich hierin für alle sichtbar zu unterscheiden. Und dann der Sozialdemokratie entsprechend Sinn zu geben. Vielleicht den, den einer der ehemaligen Chefs so beschrieb: „Spekulanten machen Milliardengewinne und zahlen dafür keine Steuern. Wenn die gleichen Leute Milliardenverluste machen, muss der Steuerzahler für sie blechen. Solche Entwicklungen treiben die Gesellschaft auseinander.“ Das war Martin Schulz in der „Zeit“.

Die Zeichen der Zeit zu erkennen, sich an Lösungen fürs Inhaltliche der SPD für die kommenden Monate und Jahre zu machen, ist die Herausforderung dieser Tage – der die ausweichen wollen, die heute für die Partei stehen. Oder, den Ex-Vorsitzenden folgend, besser stehen sollten. Es stellt sich aber keiner. Elf Prozent bundesweit, in Sachsen kommen die fünf näher, in Thüringen auch, in Brandenburg droht der Machtverlust – und keiner will die Partei führen. Alle sagen ab, noch ehe sie überhaupt gefragt werden. Damit sie erst gar nicht gefragt werden? Eine Schande.

Der Partei etwas zurückgeben? Bloß nicht

Dabei verdanken sie alle der SPD ihre Ämter, die Ministerpräsidenten, die Bundesminister/-innen. Der Partei dafür etwas zurückgeben? Bloß nicht. Als wäre das Amt, „das schönste neben dem Papst“ (Franz Müntefering, zwei Mal Parteichef), eine Zumutung.

Wer dagegen jetzt zur Kandidatur bereit ist, zeigt: Die SPD ist es wert. Auch, sie zu erhalten. Wer, wenn nicht die da oben, muss von der Sozialdemokratie überzeugt sein? Das gilt es zu dokumentieren, ob es zur Kandidatur kommt oder nicht. Vielleicht muss man Sigmar Gabriel, den vorletzten Vorsitzenden, allein schon deshalb ermuntern, seine nochmalige Bewerbung anzudrohen – um die in der Kulisse hervorzulocken. Endlich. Gut Ding will Weile haben? Je länger das Trauerspiel dauert, desto schlechter wird es enden.

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