Trotz Trump : Warum die deutsch-amerikanische Beziehung besser als ihr Ruf ist

Während viele Deutsche den US-Präsidenten für gefährlich halten, hat sich an der tatsächlichen Zusammenarbeit kaum etwas geändert. Eine Analyse.

US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel.
US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel.Foto: Brian Snyders/Reuters

Der Witz passt auf viele Lebenslagen. Also auch auf das deutsch-amerikanische Verhältnis. Auf die Frage „Wie ist der Stand der Beziehungen?“ entgegnet der Experte: „Wollen Sie die kurze oder die lange Antwort?“ – „Die kurze.“ – „Die Lage ist schlecht.“ – „Und die lange Antwort?“ – „Die Lage ist gar nicht so schlecht.“ Die zweite Einschätzung will freilich ausführlicher begründet werden. Es kommt eben darauf an, wen man fragt, wann man fragt und wonach man fragt.

Die Deutschen – das ergeben die Umfragen verschiedener außenpolitischer Institutionen – bewerten die Beziehungen zu den USA derzeit als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. 73 Prozent sagten das in der Umfrage der Körber-Stiftung im Winter 2018/19. In der Erhebung der Atlantik-Brücke meinten sogar 85 Prozent, das Verhältnis sei „negativ“ oder „sehr negativ“.

Fragt man Amerikaner, entsteht ein anderes Bild. 70 Prozent halten das Verhältnis zu Deutschland in einer parallelen Umfrage des Pew Research Center für gut. Klar, mag man dazu sagen: In den USA hat die Regierung gewechselt und hat sich der Umgang mit Verbündeten verändert. In Deutschland nicht. Folglich verschiebt sich das deutsche Amerikabild, nicht aber das amerikanische Deutschlandbild.
Aber erklärt das auch, welche Schlüsse die Befragten für die Zukunft ziehen? 70 Prozent der Amerikaner wollen die Zusammenarbeit verstärken. Rund die Hälfte der Deutschen spricht sich hingegen für eine stärkere Distanzierung von den USA aus: 57,6 Prozent bei der Umfrage der Atlantik-Brücke, 47 Prozent bei der Körber-Stiftung. 42 Prozent der Deutschen halten China für einen verlässlicheren Partner, nur 23 Prozent umgekehrt die USA.

Beides steht in auffälligem Kontrast zu den Einschätzungen der Regierungen. Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas betonen: „Die USA sind und bleiben der wichtigste Partner für Deutschland außerhalb Europas.“ Müssten Deutsche sich dann nicht gerade jetzt in der Krise um die Rettung der Beziehungen bemühen, statt sich abzuwenden?

Die Regierungen handeln anders, als die Bürger fühlen

In den USA ist das umgekehrte Phänomen zu beobachten. Präsident Donald Trump redet den Partner schlecht. Deutschland gebe zu wenig Geld für Verteidigung aus, sei also ein Trittbrettfahrer. Deutschland mache Energiegeschäfte mit Russland, die die Interessen Verbündeter wie Polen, der Baltischen Staaten und der Ukraine bedrohen. Und Deutschland überschwemme die USA mit Exportwaren, tue aber nichts für den Handelsausgleich.

Gleichwohl wünschen die US-Bürger mehr Kooperation.
Die Umfragen sind Stimmungsbilder. Sie geben nicht Auskunft darüber, wie die Beziehungen und die Zusammenarbeit tatsächlich sind. Sondern darüber, wie die Bürger sie empfinden. Auf diesen Unterschied musste man schon vor Trump achten. Natürlich leidet das aktuelle deutsche USA-Bild unter Trump. Den mögen die meisten Deutschen nicht. Sie halten ihn sogar für gefährlich.

Unter Obama war die Stimmung besser als die Lage

Ein ähnliches Abfärben der Gefühle gegenüber dem Präsidenten auf die Beurteilung der bilateralen Beziehungen konnte man auch früher beobachten, wenn diese Person vielen Deutschen unsympathisch war wie Ronald Reagan oder George W. Bush. Umgekehrt ließ die Wahl eines Sympathen wie Barack Obama zum Präsidenten auch gleich die Bewertung der USA wieder in die Höhe schießen.

Dabei ändert ein Wechsel an der Spitze zunächst gar nicht so viel an der Intensität und an der Verlässlichkeit der Kooperation in einzelnen Sachgebieten von der Wirtschaft über die Sicherheit bis zu Kultur, Wissenschaft und Tourismus. Jedenfalls nicht von heute auf morgen. Denn die Zusammenarbeit hängt in starkem Maß von den nationalen Interessen ab und nicht so sehr von den verständlichen aber wechselhaften Emotionen der Bürger. Mittel- und langfristig hat ein Präsident natürlich Einfluss auf die Freude der Handelnden an der Kooperation und auf ihr Ausmaß.

Das Amerika-Bild der Deutschen ist emotional

Die Deutschen halten sich selbst gerne für nüchterne Beobachter des Geschehens. Die Umfragen zur Sicht auf Amerika widerlegen diese Selbsteinschätzung immer wieder. In keinem anderen Land der Erde haben die Demoskopen einen so markanten Meinungsumschwung in der Bewertung der USA beim Präsidentenwechsel von Bush zu Obama beobachtet wie in der Bundesrepublik.

In seiner jährlichen Umfrage Transatlantic Trends maß der German Marshall Fund (GMF) in Bushs letztem Amtsjahr 2008 in Deutschland zwölf Prozent Zustimmung zur US-Außenpolitik. Im folgenden Jahr, Obama war erst kurz im Amt, schnellte der Wert auf 92 Prozent Zustimmung. Eine Veränderung um 80 Prozentpunkte. In keinem anderen Land war der Meinungsumschwung größer.
Ähnliches wiederholte sich, in umgekehrter Richtung, nach Trumps Wahl. Pew Research maß einen Rückgang des Vertrauens der Deutschen in die US-Politik von 86 Prozent in der letzten internationalen Umfrage unter Obama auf elf Prozent in der ersten Umfrage unter Trump.

Die Faustregel aus dieser Beobachtung: Die tatsächliche Kooperation zwischen Regierungen, Wirtschaftsunternehmen und Kultureinrichtungen unterliegt nicht so starken Schwankungen wie die Gefühlslagen. Unter Präsidenten wie Bill Clinton und Barack Obama, die viele Deutsche mögen, ist die Stimmung besser als die Lage. Auch unter ihnen gab es beträchtliche transatlantische Meinungsverschiedenheiten und Konflikte. Unter Präsidenten wie Ronald Reagan, George W. Bush und Donald Trump ist die Lage besser als die Stimmung.

Das liebste Reiseland? Die USA, auch unter Trump

Welche Antwort auf die Frage nach dem Stand der Beziehungen kommt also der Wirklichkeit näher? Die kurze, „schlecht“, oder die lange, „gar nicht so schlecht“?
Die Verachtung für Trump hält die Deutschen jedenfalls nicht davon ab, auf die Frage, wo sie am liebsten Urlaub machen würden, wenn Geld und Zeit keine Rolle spielen, die USA zu nennen, 2018 wie 2019. Reiseveranstalter melden deutlich mehr Buchungen als im Vorjahr.

Junge Deutsche wollen weiter in den USA studieren oder ein Jahr als „Aupair“ dort verbringen. Die 200 Städtepartnerschaften blühen und gedeihen, zumindest zum Großteil. Und manche Aktive begründen das damit, dass sie gerade wegen Trump etwas für ein gutes Verhältnis tun wollen.

Fragt man deutsche und europäische Militärs, Geheimdienstler und Experten für Sicherheitspolitik, wie sich die Kooperation mit den USA von Obama zu Trump verändert habe, ist die häufigste Antwort: eigentlich gar nicht. Man tauscht Lageeinschätzungen und Informationen aus.

Immer wieder ist zu hören, Anschläge in Deutschland seien dank Hinweisen von den US-Kollegen verhindert worden. Deutsche und amerikanische Soldaten sind gemeinsam in Einsätzen in Afghanistan, im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) im Mittleren Osten und bei den Missionen zur Rückversicherung der Nato-Verbündeten in Polen und den Baltischen Staaten gegen potenzielle Gefahren aus dem Osten.

Deutsche Firmen investieren fünf Mal so viel in den USA wie in China

Ungeachtet der politischen Turbulenzen boomt der Wirtschaftsaustausch zwischen Europa und den USA – und das liegt zu einem Gutteil an der mit Abstand größten Volkswirtschaft der EU, Deutschland. Der deutsche Außenhandel mit China (Importe plus Exporte) liegt jetzt zwar dem Wert nach vor den USA. Das sei aber „eine irreführende Zahl“, urteilt der jährliche Bericht der Johns Hopkins Universität über die „Transatlantic Economy“. Die Investitionen lassen „die Handelszahlen zwergenhaft erscheinen“. Die USA und Europa stehen für ein Drittel des globalen Handels, aber für Zweidrittel der globalen Direktinvestitionen.

Deutsche Unternehmer mögen über die verschlechterte Atmosphäre im USA-Geschäft klagen und China als „verlässlicher“ preisen. Ihre Exporterfolge und ihre Investitionsentscheidungen strafen ihre Worte Lügen. Die USA sind weiter der größte Exportmarkt für deutsche Firmen, China folgt erst auf Platz vier. In 16 der 50 US-Bundesstaaten kommen die meisten ausländischen Direktinvestitionen aus Deutschland. In den USA haben deutsche Unternehmen fünf Mal so viel Geld (400 Milliarden Euro) wie in China (80 Milliarden Euro) investiert.

Dienstleistungen sind der unbekannte Riese im Austausch

Hinzu kommt der Austausch von Dienstleistungen quer über den Atlantik. Es ist der neue unbekannte Riese in den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen mit einem Wachstum von rund 40 Prozent in den letzten acht Jahren. Der Wert der importierten und exportierten Dienstleistungen wird wohl in absehbarer Zeit den Wert des Warenhandels überholen. Und auch in diesem Bereich liegt der Austausch zwischen Europa und Amerika weit vor dem zwischen anderen Wirtschaftsregionen der Erde.
Gewiss doch, der relative Anteil der USA und der EU an der Weltwirtschaft sinkt. Vor anderthalb Jahrzehnten lag er noch nahe 50 Prozent. Heute sind es unter 40 Prozent. Zusammengenommen ist die transatlantische Wirtschaft aber immer noch die dominierende und die innovativste.
Auf ähnliche Weise hat das relative politische Gewicht dessen, was man früher einmal „den Westen“ nannte, im globalen Maßstab abgenommen. Aus „G 7“, einem rein westlichen Club, sind die „G 20“ als Forum für weltpolitische Absprachen geworden. Und doch kann keine Rede davon sein, dass China oder Indien die USA als Führungsmacht ablösen, von Russland ganz zu schweigen.

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Europa und Amerika haben Verbündete: Staaten, die sich freiwillig mit ihnen zusammentun, weil sie grundlegende Werte und Interessen teilen, auch über Konjunkturen der Meinungsverschiedenheiten hinweg. China oder Russland haben keine Verbündeten in diesem Sinn. Sie bilden gelegentlich zweckgebundene Koalitionen.
Nirgendwo sonst auf der Erde gibt es ein ähnlich dichtes Geflecht aus politischen, ökonomischen, militärischen und kulturellen Bündnissen wie zwischen Europa und Amerika. Es stimmt schon: Der Stand dieser Beziehungen ist unter Trump nicht gut. Aber so schlecht, wie viele meinen, dann auch wieder nicht.

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