Trumps Kritik an jüdischen Wählern : Das böse Wort „illoyal“

Dass jüdische Amerikaner eher demokratisch wählen, stört US-Präsident Donald Trump. Wichtiger ist aber womöglich eine andere Gruppe.

Trump nennt sich gerne den israelfreundlichsten US-Präsidenten aller Zeiten.
Trump nennt sich gerne den israelfreundlichsten US-Präsidenten aller Zeiten.Foto: AFP

So richtig rund läuft es nicht für den US-Präsidenten. Was hat Donald Trump nicht alles aus seiner Sicht für Israel getan! Er hat den Atomvertrag mit dem Erzfeind Iran aufgekündigt und den Druck auf die Islamische Republik extrem erhöht. Er hat die amerikanische Botschaft entgegen aller internationalen Warnungen von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt und die Golanhöhen als rechtmäßigen Teil Israels anerkannt – wofür Israels Premier Benjamin Netanjahu gleich eine neue Siedlung nach ihm benannt hat. Und er hat israelkritische Äußerungen demokratischer Kongressabgeordneter scharf kritisiert und sogar ein Einreiseverbot Israels gegen die beiden muslimischen Parlamentarierinnen Ilhan Omar und Rashida Tlaib begrüßt.

Doch das alles hat weniger Auswirkungen auf seine Beliebtheitswerte bei jüdischen Wählern, als er es sich womöglich erhofft hat. In Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Gallup aus dem vergangenen Jahr, die im März 2019 veröffentlicht wurden, loben lediglich 26 Prozent der amerikanischen Juden seine Amtsführung, 71 Prozent äußern sich dagegen ablehnend.

Generell fühlt sich nur jeder sechste amerikanische Jude der Republikanischen Partei zugehörig. Das passt zu den Ergebnissen der Präsidentschaftswahl 2017, als 71 Prozent der jüdischen Wähler für Hillary Clinton stimmten und nur 23 Prozent für Trump. Auch bei den Kongresswahlen im Herbst 2018 wählten fast 80 Prozent von ihnen demokratische Kandidaten.

Der "Jexodus" bleibt aus

Der von Trump im März propagierte "Jexodus", also der massenhafte Wechsel traditionell demokratisch wählender jüdischer Amerikaner zu seiner Republikanischen Partei, ist auch weiterhin nicht in Sicht – obwohl sich Trump selbst gerne als den "israelfreundlichsten Präsidenten" aller Zeiten bezeichnet. Das frustriere ihn, zitiert die "Washington Post" einen Regierungsmitarbeiter.

Vielleicht erklärt das seine kontroversen Äußerungen in dieser Woche. Am Dienstag hatte er das Einreiseverbot gegen Omar und Tlaib zum Anlass für eine Attacke gegen die Demokraten genommen: "Was ist aus der Demokratischen Partei geworden? Was ist aus ihnen geworden, wenn sie diese beiden Personen verteidigen und damit über den Staat Israel stellen?", fragte er und fügte hinzu: "Und ich denke, dass alle jüdischen Personen, die für einen Demokraten stimmen, ich denke, das zeigt entweder eine totale Wissenslücke oder große Illoyalität." Zusammengefasst: Jüdische Bürger in Amerika, die Demokraten wählen, sind entweder uninformiert oder illoyal. Am Mittwoch legte er nach und erklärte, eine Stimme für die Demokraten sei sehr illoyal gegenüber Juden und gegenüber Israel. "Sie wollen Israel viel Schlechtes antun."

Israels Premier schweigt

Vor allem der Vorwurf der Illoyalität wurde umgehend kritisiert. David Harris, Vorsitzender des American Jewish Committee in Washington, nannte Trumps Aussagen "auf schockierende Weise spaltend und unziemlich für den Inhaber des höchsten Amtes". Amerikanische Juden hätten wie alle anderen Amerikaner unterschiedliche politische Haltungen. "Seine Einschätzung ihres Wissens oder ihrer ,Loyalität’, basierend auf ihrer Parteipräferenz, ist unpassend, unerwünscht und absolut gefährlich." Dass Juden weltweit angeblich eine doppelte Loyalität haben – gegenüber dem Land, in dem sie leben, und gegenüber Israel –, ist ein antisemitischer Dauerbrenner. Auch aus Israel kam Kritik, allerdings vor allem von Oppositionspolitikern, Premierminister Netanjahu, der im kommenden Monat wiedergewählt werden möchte, blieb auffällig still.

Warum riskiert Trump aber, so stark in die Kritik zu geraten? Womöglich weil es ihm letztlich gar nicht um die unsicheren jüdischen Stimmen geht, sondern um die Mobilisierung seiner mächtigen evangelikalen Wählerbasis, die sich stark mit Israel identifiziert und fest davon überzeugt sind, dass Jerusalem dem jüdischen Volk versprochen wurde. Für sie ist Trump "der beste Präsident für Juden" – ein Bezeichnung, die der für seine Verschwörungstheorien bekannte rechte Radiomoderator Wayne Allyn Root in dieser Woche verbreitete, zusammen mit der Steigerung, Trump sei der "König von Israel" oder gar "die zweite Wiederkehr Gottes". Trump schien dies sehr zu gefallen: In gleich drei Tweets verbreitete er das Lob am Mittwoch und bedankte sich beim Moderator für die "sehr netten Worte".

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