Türkei auf der ITB : Keine Zeit für die Pressefreiheit

Der türkische Tourismusminister will in Berlin gute Stimmung verbreiten. Derweil wirft seine Regierung einen Tagesspiegel-Mitarbeiter aus dem Land.

Mehmet Nuri Ersoy, der türkische Minister für Kultur und Tourismus, auf der ITB in Berlin.
Mehmet Nuri Ersoy, der türkische Minister für Kultur und Tourismus, auf der ITB in Berlin.Foto: Soeren Stache/dpa

Fast in derselben Minute in der Mehmet Nuri Ersoy, der türkische Minister für Kultur und Tourismus, am Donnerstag die Bühne im City Cube auf dem Berliner Messegelände betritt, um alle Deutschen in sein schönes Land einzuladen, betritt Tagesspiegel-Mitarbeiter Thomas Seibert in Istanbul das Büro eines Notars. Seibert muss das Nötigste regeln, sich eine Vollmacht ausstellen lassen zum Beispiel, damit andere Leute in seinem Namen für ihn Dinge regeln können, die er selbst dann nicht mehr regeln kann - nach mehr als 20 Jahren in der Türkei.

„Wie es im Moment aussieht, werde ich das Land spätestens am Sonntag verlassen müssen“, meldet Seibert in die Berliner Tagesspiegel-Zentrale am Morgen. „Ich war durchgehend seit 1997 in der Türkei akkreditiert. Ein offizieller Grund für den Entzug meiner Akkreditierung ist mir bisher nicht genannt worden.“

Bilaterale Beziehungen zuletzt verbessert

Um so mehr Gründe nennt das Regierungsmitglied Ersoy derweil in Berlin, warum deutsche Touristen kommen sollen. Viele davon haben mit Sonne und Meer zu tun. Und mit alten Steinen: „Die Türkei ist im Prinzip ein großes Freilichtmuseum“, wirbt der Minister. Überall archäologische Schätze. Und erst etwa zehn Prozent davon habe man ausgegraben. Es gibt also noch viel Potenzial. Man wolle zudem künftig die Generation „65 plus“ stärker als Gäste in den Blick nehmen, auf nachhaltigen Tourismus setzen. Und vieles mehr.

Tatsächlich hatten sich die bilateralen Beziehungen, die nach dem blutigen Putschversuch im Juli 2016 stark belastet waren, zuletzt wieder ein wenig verbessert. Präsident Recep Tayyip Erdogan spart mittlerweile mit öffentlicher Kritik an Deutschland und der Bundesregierung. Zudem sind der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel nach einem Jahr Haft zurück in Deutschland, der Prozess läuft in Abwesenheit weiter, genau wie im Fall der Ulmer Journalistin Mesale Tolu. Auch deshalb fassten immer mehr Urlauber neues Vertrauen in die Türkei. 2018 steig die Zahl der Gäste aus Deutschland um 26 Prozent zum Vorjahr auf 4,5 Millionen. Das Land steht nach Spanien und Griechenland wieder auf Platz drei der beliebtesten Auslandsziele der Deutschen.

Neuer Ärger vor der ITB

Diesen Trend wollten Tourismusminister Ersoy und seine Delegation mit ihrem Besuch auf der weltgrößten Tourismusmesse ITB verstärken. Auch mit einem gewaltigen Messeauftritt. Die gesamte Halle 3.2 (die laut ITB-Hallenplan zu „Europa“ gehört) ist von türkischen Ausstellern belegt: Es duftet nach Gebäck und süßem Tee, Stewardessen und Stewards von Turkish Airlines führen zu bombastischer Streichermusik ihre neuen Uniformen vor. Über weichen Teppich spaziert man zu einer drei Meter hohen Nachbildung des Trojanischen Pferdes. Die Türken sind Tourismus-Profis.

Doch unmittelbar vor dem Start der ITB gab es neuen Ärger, der bei Bundesbürgern Zweifel daran nähren dürfte, dass die Türkei ein sicheres und freies Urlaubsland ist. So hatte der besagte Tagesspiegel-Kollege vor wenigen Tagen von türkischen Behörden erfahren, dass seine Arbeitserlaubnis als Journalist in diesem Jahr nicht verlängert werden wird. Gleiches gilt für die des ZDF-Korrespondenten Jörg Brase. Beide müssen das Land verlassen.

Dutzende Auslandskorrespondenten warteten ungewöhnlich lange, bis Donnerstag auf die Erneuerung ihrer Akkreditierung. Einige von ihnen erhielten - Zufall oder nicht - fast zeitgleich in den Mittagsstunden die telefonische Zusage, dass diese doch erneuert wird, berichtete Seibert aus Istanbul. Gleichwohl habe sich an seiner Lage nichts geändert. Unabhängig davon sitzen noch zahlreiche türkische Journalisten in Haft, da auch sie der Regierung in Ankara zu unbequem sind.

Am vergangenen Wochenende sorgten zudem Äußerungen von Ersoys Kabinettskollegen, Innenminister Süleyman Soylu, für Irritationen. Medien zitieren ihn von einer Wahlkampfveranstaltung mit folgenden Sätzen, die vor allem türkischstämmige Deutsche beunruhigen dürften: „Da gibt es jene, die in Europa und in Deutschland an den Veranstaltungen von Terrororganisationen teilnehmen und dann in Antalya, Bodrum und Mugla urlauben (...). Sollen sie doch herkommen und auf den Flughäfen einreisen. Wir nehmen sie fest (...). Von nun an wird es nicht mehr so einfach sein, draußen Verrat zu begehen und sich dann in der Türkei zu amüsieren.“

Interview zurückgezogen

Ein Journalist spricht Tourismusminister Ersoy auf der ITB-Pressekonferenz auf diese Aussagen des Innenministers an. Ersoy spricht von „Missverständnissen“. Das Thema werde „in ein ganz anderes Licht gerückt“. Festnahme am Flughafen? „Das ist natürlich nicht möglich“, meint Ersoy.

Der Tagesspiegel will von dem Minister wissen, wie es zusammenpasse, dass er in Berlin alle Deutschen in sein Land einlade, während seine Regierung zeitgleich die Kollegen von Tagesspiegel und ZDF auf dem Land werfe. Ersoy antwortet, es werde immer wieder einzelne Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Ländern geben. Dies ändere nichts daran, dass die Türkei und Deutschland „eng befreundet“ seien. „Wir werden nicht zulassen, dass diese Beziehung Schaden nimmt. Ich hoffe, dass wir das überwinden können. Die Hauptsache ist, dass wir heute über Tourismus sprechen.“

Das seit etwa einer Woche bestehende Angebot, dem Tagesspiegel im Anschluss an die Konferenz ein Interview zu geben, um über Tourismus zu sprechen, zog das Büro von Ersoy kurzfristig zurück. Mit der Begründung, der Minister habe Termine, verließ er sofort nach der Veranstaltung den Konferenzsaal.

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