Über zwei Millionen Aufrufe : Mary Jo Laupp über ihr virales Tik-Tok-Video zu Tulsa

Bei Trumps Wahlkampfauftritt in Tulsa kamen deutlich weniger Zuschauer als erwartet. Nutzer der Plattform Tik Tok glauben, dass sie dafür verantwortlich sind.

Das Tik Tok Video von Mary Jo Laupp aus Iowa wurde über zwei Millionen Mal abgerufen.
Das Tik Tok Video von Mary Jo Laupp aus Iowa wurde über zwei Millionen Mal abgerufen.Foto: Privat

Mary Jo Laupp hat erst im November vergangenen Jahres Tik Tok auf ihrem Handy installiert. Die 51-Jährige, die sich auf der Kurzvideoplattform „Tik Tok Grandma“ nennt, arbeitet an einer High School in Fort Dodge (Iowa) und wollte sehen, was die Schülerinnen und Schüler für Videos hochladen.

Vor wenigen Tagen postete sie selbst ein Video, das unerwartet viral ging, bis heute über zwei Millionen Mal abgerufen wurde. Es heißt, das Video könne ausschlaggebend dafür sein, dass bei Trumps Wahlkampfauftritt vergangenen Samstag in Tulsa Oklahoma so viele Zuschauerplätze leer blieben. Glaubt Laupp das selbst?

Am Telefon erzählt sie, dass sie erst im Mai ihr erstes Video auf Tik Tok veröffentlicht habe, weil ihre Schule wegen Corona geschlossen war und sie Langeweile hatte. Bis vor einer Woche habe sie knapp 1000 Follower auf der Plattform gehabt. Auf Social Media sei sie durch Nutzer darauf aufmerksam geworden, dass Trump seinen ersten Wahlkampfauftritt seit Corona an dem Tag haben sollte, an dem in den USA „Juneteenth“ begangen wird - das Ende der Sklaverei vor 155 Jahren.

Von New York über Chicago bis nach Oakland standen die Kundgebungen, Märsche und Autokorsos anlässlich dieses Tages im Zeichen der Proteste gegen Polizeibrutalität und Diskriminierung. "Juneteenth" setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern für "Juni" und "neunzehnter" - "June" und "nineteenth". Tulsa war zudem am 1. Juni 1921 Schauplatz eines Massakers durch einen weißen Mob an der schwarzen Bevölkerung. Historiker werten dies als schlimmsten Vorfall dieser Art in den USA nach Ende des Bürgerkriegs. Hunderte Menschen wurden damals getötet.

Tickets kaufen und nicht hingehen

Laupp erzählt, sie habe ihre schwarzen Freunde gefragt, wie die sich damit fühlen, dass Trump an diesem Tag in Tulsa auftreten sollte. Die Freunde hätten gesagt, das sei "nicht cool" und unsensibel in Bezug auf die aktuelle Situation in den USA. Auch in ihrer High School seien schwarze Schüler traurig über den Wahlkampftermin gewesen.

„Ich denke nicht, dass Trumps Team den Auftritt absichtlich auf diesen Tag gelegt hat“, sagt Laupp. „Aber sie haben sehr unsensibel reagiert, als es so viel Kritik dazu gab.“ Eine Freundin von ihr hatte schon zuvor regelmäßig, wenn es politische Auftritte in ihrer Stadt gab, die sie falsch fand, Tickets für sich gekauft und sei dann nicht hingegangen. „Ich habe gedacht: Was würde wohl passieren, wenn ein paar hundert Leute das in diesem Fall auch täten?“, sagt Laupp. Ihre Videos hatten auf Tik Tok bisher nur ein paar hundert Menschen erreicht, mit dieser Resonanz rechnete sie auch für das Video. Zwei Stunden nahm sie sich Zeit, um mehrere Artikel zu dem Thema zu lesen und sich weiter zu informieren.

Dann filmte sie ein 60-sekündiges Video, in dem sie unter anderem sagt: „All jene von uns, die diesen Saal mit 19.000 Sitzplätzen kaum gefüllt oder völlig leer sehen wollen, gehen jetzt Karten reservieren und lassen ihn (Trump) dort allein auf der Bühne stehen.“

Tausende Kommentare in wenigen Stunden

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie unzählige Nachrichten auf ihrem Handy. So erzählt sie es am Telefon. „Meine Followerzahl hatte sich in nur sieben Stunden verdreifacht. Das Video wurde mehrere hundert Mal geteilt, geliked, es gab tausende Kommentare.“

In den Kommentaren schrieben Follower kreative Ausreden, warum sie trotz Ticket nicht zum Wahlkampfauftritt kommen könnten. Einer davon lautete in etwa: „Ich muss zu einer Beerdigung. Der Goldfisch des Schwester des Nachbarn meines Cousins ist gestorben.“

Gleiche Aufforderung auf mehreren Plattformen

Die Aufforderung, Tickets zu kaufen und nicht hinzugehen, gab es zusätzlich auf Twitter und weiteren Social-Media-Plattformen. „Für mich ist es nicht möglich, noch annähernd nachzuvollziehen, wie viele Menschen auf Social Media jetzt bei der Aktion mitgemacht haben“, sagt Laupp. Sie geht davon aus, dass aufgrund des Tik-Tok-Videos einige Hunderttausend Tickets reserviert wurden für Personen, die gar nicht vorhatten zu kommen. Obwohl Trumps Auftritt schlussendlich doch um einen Tag verschoben wurde, um nicht an "Juneteeth" stattzufinden.

Viele Sitze bleiben leer. Präsident Donald Trump bei der Rally in Tulsa, Oklahoma.
Viele Sitze bleiben leer. Präsident Donald Trump bei der Rally in Tulsa, Oklahoma.Foto: Nicholas Kamm / AFP

Kritiker vermuten, dass diese Tickets nicht wirklich reserviert wurden, da die Tik-Tok-Nutzer vom Wahlkampfteam vorher als Nicht-Trump-Fans identifiziert worden seien. Um ein Ticket zu bekommen, muss man sich mit Name, Postleitzahl und amerikanischer Mobilnummer auf der Kampagnenwebseite anmelden. Ausdrucken kann man das Einlassticket erst, wenn man einen Bestätigungscode eingibt, den Trumps Team auf das angegebene US-Handy simst.

Zehntausende falsche Handynummern aussortiert

Trumps Wahlkampfmanager Brad Parscale sagte CNN, „Linke und Online-Trolle“ bildeten sich ein, einen Einfluss auf die Teilnehmerzahl von Trump-Kundgebungen zu haben. Sie lägen damit aber falsch. Vor der Kundgebung in Tulsa seien Zehntausende falsche Handynummern aussortiert worden.

Laupp versichert, sie selbst sei richtig registriert gewesen und viele der Tik Toker auch. Einige hätten Bestätigungen der Reservierung auf ihren Accounts gepostet. Sie habe auch schon zuvor im Wahlkampfteam von Pete Buttigieg gearbeitet und wisse, wie Wahlkampf funktioniert. Sie habe selbst Teilnehmer registriert, Mails und SMS verschickt. Die Tik Toker hätten deshalb, zumindest zum Teil, richtige Handynummern angegeben.

Keine Beweise, welche Faktoren ausschlaggebend waren

Es gibt keine Beweise dafür, dass Tik Tok, das Coronavirus oder andere Faktoren ausschlaggebend waren für die vielen freien Zuschauerplätze in Tulsa. Für Mary Jo Laupp ist vor allem eines wichtig: „Selbst, wenn wir nicht der Grund dafür waren, dass die Halle teilweise leer war, hat sich die Aktion gelohnt. Denn die Teenager, die mitgemacht haben, sind davon überzeugt, dass sie den Unterschied gemacht haben. Sie glauben, dass sie etwas verändern können und sind auch bereit, das zu tun. Sie wissen, wie sie mit Social Media umgehen und können sich weltweit vernetzen.“

Einige Teenager hätten ihr erzählt, dass sie Watch-Partys zuhause mit ihrer Familie veranstaltet hätten, um zu sehen, wie wenig Zuschauer kommen. Viele der Schülerinnen und Schüler seien noch nicht 18 und dürften deshalb nicht wählen. Ihre Macht sei das Internet. Einige hätten sich dazu entschieden, bei weiteren Auftritten Trumps, etwa bei der Studentenversammlung in Phoenix, Arizona, mit den Online-Registrierungssystemen ähnlich vorzugehen und Tickets zu reservieren.

Für Mary Jo Laupp hatte die Aktion auch persönlich Vorteile. Sie wird nun das Wahlkampfteam des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden im Bereich junge Wähler unterstützen und führt bald Gespräche mit einer Abgeordneten des Senates in Iowa, um bei der nächsten Wahl möglicherweise in ihrem Social-Media-Team arbeiten zu können.

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