Ukraine : Sergej K. zog in den Krieg - und muss nun zwei Jahre hinter Gitter

Der deutsche Staatsbürger Sergej K. wurde in München verurteilt, weil er einen bewaffneten Kampf gegen den ukrainischen Staat führen wollte.

Sergej K. wurde am Donnerstag vom Landgericht München I zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.
Sergej K. wurde am Donnerstag vom Landgericht München I zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.Foto: Sven Hoppe/dpa

Auf Fotos posiert Sergej K. im Tarnanzug, in den Händen hält er eine Panzerfaust oder eine Kalaschnikow. Der deutsche Staatsbürger soll in ein paramilitärisches Ausbildungszentrum gereist sein, in dem die Teilnehmer im „Nahkampf“ und im „Messerkampf“ geschult wurden. Außerdem absolvierten sie ein Schießtraining, bei dem in der Regel auch Maschinengewehre zum Einsatz kommen. Diese Kampfausbildung fand jedoch nicht in einem islamistischen Terrorcamp statt, sondern in Russland, und der Mann wollte nicht in Syrien kämpfen, sondern mitten in Europa, im Osten der Ukraine. Der in Moskau geborene Sergej K., der später nach Ingolstadt zog und die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, wurde am Donnerstag in München wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

In dem Verfahren vor der Staatsschutzkammer des Münchner Landgerichts ging es nicht um die Beteiligung des Mannes am Krieg in der Ukraine. Das Urteil bezieht sich vielmehr darauf, dass Sergej K. „die Bundesrepublik mit dem Ziel verlassen hat, in der Ukraine an kriegerischen Handlungen teilzunehmen“, sagte Richter Florian Gliwitzky, der Sprecher des Gerichts. Der nun Verurteilte habe die Absicht gehabt, „einen bewaffneten Kampf gegen den ukrainischen Staat zu führen“ und prorussische Interessen in der Ostukraine durchzusetzen. Im Donbass kämpfen seit 2014 Separatisten und Russen gegen die ukrainische Armee.

Wie viele Deutsche oder Personen mit Wohnsitz in Deutschland sich insgesamt am Krieg in der Ukraine beteiligt haben, ist unklar. Bis Ende 2017 hatte die Bundesregierung Kenntnis von 26 Personen, die sich in den Jahren 2014 und 2015 zumindest zeitweise im Kriegsgebiet aufhielten, 20 von ihnen sollen die Separatisten unterstützt haben.

Russische Kameradschaft trainiert im "Kampfklub Partisan"

Die Generalstaatsanwaltschaft München hatte Sergej K. vorgeworfen, im August 2014 die „paramilitärische Ausbildung“ in St. Petersburg durchlaufen zu haben. Im Prozess gab er den Aufenthalt dort zu, bestritt allerdings, das Kampftraining mitgemacht zu haben. Der „Kampfklub Partisan“ wurde von der „Imperialen Legion“ organisiert, einer nationalistischen russischen Kameradschaft, die stark in der russischen Orthodoxie verwurzelt ist. Die „Imperiale Legion“ bildete Freiwillige wie Sergej K. aus und schickte sie dann zum Kämpfen in den Donbass. Mehrere von ihnen sind dort offenbar getötet worden. In der Selbstbeschreibung der Kameradschaft heißt es, man verteidige „die Interessen des russischen Volkes an allen Fronten“.

Sergej K. selbst war mehr als zwei Jahrzehnte lang Priester der russisch-orthodoxen Kirche, wandte sich aber später vorübergehend dem Islam zu. Nach seiner Zeit als Priester war er in mehreren Berufen tätig, darunter auch im Sicherheitsdienst am Münchner Flughafen. Später kehrte er zum orthodoxen Glauben zurück und wollte sich auf dem griechischen Berg Athos weihen lassen. Doch im Mai 2018 war bereits ein europäischer Haftbefehl gegen ihn ausgestellt worden, im Juni wurde er in Bulgarien verhaftet und wenig später nach Deutschland ausgeliefert, wo er seitdem hinter Gittern sitzt.

Onkel des Verurteilten gilt als Propagandist des Kremls

Bekannt wurde der Fall durch einen Verwandten des Angeklagten: Dessen Onkel Dmitri Kiseljow ist Generaldirektor des staatlichen russischen Medienkonzerns „Rossija Sewodnja“ und gilt als einer der größten Propagandisten des Kremls. In der EU hat er deshalb seit dem Beginn des Ukraine-Krieges Einreiseverbot. Er war es auch, der im April 2016 die Tatsache publik machte, dass sein Neffe als Freiwilliger im Donbass kämpfte: „Mit seinem deutschen Pass fuhr er dorthin, um zu kämpfen.“ In Horliwka oder in der Nähe sei sein Neffe von September bis Dezember 2014 gewesen. „Er war sogar stellvertretender Kommandeur des Zuges.“ Dmitri Kiseljow berichtete damals auch, er habe seinen Neffen gefragt, warum er dort hingefahren sei. Der habe geantwortet: „Ich bin Russe, ich fuhr eben.“

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