Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Das eine ist, dass es nur gut sein kann, wenn man einen Energieberater ins Haus bittet und fragt, wie man es besser isolieren könnte. Das andere: mit welchen Gefühlen manche Leute so einem Besuch entgegensehen! Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange hat ihr Leben einem Klima-Check unterworfen und dies im „Stern“ beschrieben.

Gleich zu Beginn kommt da ein Mann von Greenpeace, den die Hausfrau voller Scham „für all meine Umweltsünden, die ich gedankenlos begehe“ erwartet. Was wird er sagen, „wenn er all die grellfarbenen Putzmittelflaschen hinter der Klappe über dem Kühlschrank findet“? Wird er schimpfen angesichts der „Ansammlung diverser Frühstücksflockenkartons“? Und die rosafarbenen Plastikartikel im Besitz der Tochter…? Fast wagt die Hausfrau nicht, dem Besucher Kaffee anzubieten, weil es sich dabei nicht um ein Fair-Trade-Produkt handelt. Sie habe sich, schreibt sie, mit dem Thema nicht ernsthaft auseinandergesetzt, „obwohl Chris Martin, der Mann von Gwyneth Paltrow, ständig Werbung dafür macht“.

Nun ja, denkt man, wer war gleich wieder Gwyneth Paltrow? Was macht ihren Mann zu einer moralischen Instanz? Und wie kommt’s, dass hier ein Mensch mitten in unserem doch nicht völlig verderbten Land sein Leben „generell in eher schändlichem Licht“ sieht? Nicht mal mehr ayurvedischen Glückstee trinkt, weil der „kein Erzeugnis aus Hannover“ sei, sondern aus Amsterdam stamme; auf seinem Weg nach Niedersachsen sei Kohlendioxid erzeugt worden. (Um Himmels willen: Soll man in Hannover nur hannoversche Erzeugnisse zu sich nehmen? Gibt es gar kein Halten mehr?)

Sagen wir mal so: Dem Klimawandel muss man mit Selbstkritik und drastischen politischen Maßnahmen begegnen. Womit man ihm auf keinen Fall gegenübertreten kann, das ist diese Form von, wie soll man es ausdrücken?, humorloser Albernheit und vor allem geradezu totalitärem Denken, in dem man dem Besuch des Energieberaters entgegenzittert, wie man sich zu ganz anderen Zeiten vorm Blockwart fürchtete. In der man jemandem (der das vielleicht gar nicht will, denn Greenpeace-Leute sind vernünftige Menschen) gar Blicke hinter die Klappe überm Kühlschrank erlauben würde. Wer solche Gefühle hegt: Sollte er nicht ein wenig über sich selbst nachdenken, bevor er bei jedem Plastikfetzen die Sünde in sich wüten spürt? Andere in quasi-religiösem Furor zu missionieren versucht?

Wenn jemand vom Urlaub in Rio erzähle, schreibt Frau von Lange, sei sie versucht zu sagen: „,Weißt du, wie viel CO2 du allein auf dem Hin- und Rückweg in die Luft pustest? Sieben Tonnen!‘ Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.“ Opferbereitschaft in Ehren – aber das kann der Weg nicht sein. Sieben Tonnen. Auf der Zunge zergehen lassen. Dauert auch viel zu lange. Und es schmeckt einem keine Karotte mehr.

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