Politik : „Unsere Klimabilanz ist gut“

Der britische Umweltminister David Miliband über die globale Erwärmung, die Atomkraft und seine politische Zukunft

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Großbritannien gilt auf einmal als ökologisches Musterland. Wie kam es dazu?

Wissenschaftler hatten einen großen Anteil daran. Als angesehene Forscher sagten, die globale Erwärmung sei ein größeres Problem als der Terrorismus, hat das vielen Menschen in Großbritannien zu denken gegeben. Als erstes Land haben wir jetzt ein Gesetz, dass uns formale Klimaschutzziele setzt, die wir erreichen müssen. Unsere Klimaschutzbilanz insgesamt ist gut. Aber in einigen Bereichen hinken wir hinterher. Beim Recycling und bei erneuerbaren Energien sind wir längst nicht so gut wie Deutschland.

Deutschland steigt aus der Atomkraft aus. Sie befürworten Nuklearenergie. Wie verträgt sich Ihr Profil als grüner Minister mit einem Plädoyer für Atomkraftwerke?

Atomkraft deckt zwanzig Prozent unseres Energiebedarfs. Ohne Nuklearenergie kann Großbritannien seine Klimaschutzziele nicht erreichen. Man muss abwägen, und ich halte die globale Erwärmung für die größere Gefahr als die Atomenergie.

Greenpeace fordert, das Geld, das Großbritannien für die atomare Nachrüstung mit U-Boot-Raketen ausgibt, in den Kampf gegen den Klimawandel zu stecken.

Unser Versagen beim Klimaschutz über die Jahre war doch nie eine Frage des Geldes. Es geht bei dem Thema darum, neu zu organisieren, wie wir leben und arbeiten.

Warum also braucht Großbritannien fast zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges noch Atomraketen?

Wer kann die Zukunft voraussagen? Schauen Sie doch, was in Nordkorea oder im Nahen Osten geschieht. Ich habe für die Erneuerung der Waffen gestimmt. Ich meine, es ist doch besser, wenn einige wenige Länder die Sicherheit ihrer Partner garantieren, als wenn jedes Land seine eigenen Atomraketen hat. Außerdem reduzieren wir die Zahl unserer Sprengköpfe.

Zurück zum Klimaschutz: Was ist Ihr Ziel beim G-8-Ministertreffen in Potsdam?

Wir müssen den politischen Prozess beim Klimaschutz beschleunigen. Letztlich können nur die Vereinten Nationen eine tragfähige Entscheidung dazu fällen. Doch dort kommen sehr, sehr viele Länder zusammen, und die Entscheidungsprozesse sind schwierig. Wir müssen als EU und als G8 Vorarbeit leisten, bevor die ernsthaften UN-Verhandlungen im Dezember beginnen. 2007 ist ein sehr wichtiges Jahr im Kampf gegen die globale Erwärmung. Der EU-Gipfel hat schon viel auf den Weg gebracht. Der G-8-Gipfel im Juni ist aber nun entscheidend, um ein Signal an die Vereinten Nationen zu senden. Und wir Umweltminister müssen dieses Treffen in Potsdam gut vorbereiten. Daran werden wir gemessen.

Wie wollen Sie die Schwellenländer, die in Potsdam vertreten sind, mit einbinden? Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel schlägt einen Technologietransfer mit Ländern wie China oder Indien vor.

Das ist eine Möglichkeit und geschieht zum Teil schon. Wir haben zum Beispiel in China eine Anlage gebaut, mit der Kohlendioxid aufgefangen und dann unter der Erde gelagert wird. Die gemeinsame Forschung kann noch verstärkt werden.

Der EU-Gipfel in Brüssel hat gezeigt, dass die Union offenbar doch wichtige Entscheidungen fällen kann. Wie haben die traditionell euroskeptischen Briten das erlebt?

Es wäre wohl verfrüht, zu sagen, dass die Europäische Union in Großbritannien nun auf einmal sehr populär ist. Aber ich sehe das Potenzial für Brüssel, künftig eine positive Agenda zu setzen. Die Leute hier haben mitbekommen, dass die EU sich einer großen Herausforderung gestellt hat. Jetzt wollen sie sehen, ob sie hält, was sie verspricht. Ich selbst war im übrigen immer pro-europäisch.

Auch in Deutschland ist die EU nicht immer beliebt. Zuletzt gab es einen Aufschrei wegen Forderungen aus Brüssel nach einem Tempolimit auf Autobahnen. Ist diese Forderung nicht völlig legitim?

Dazu sage ich diplomatisch, dass nationale Unterschiede eine der Stärken Europas sind.

Sie gelten als ambitionierter Politiker. Könnten Sie als Premierminister nicht noch mehr für die Umwelt tun? In der Labour-Partei werden Stimmen laut, dass Sie gegen Schatzkanzler Gordon Brown um die Nachfolge Tony Blairs kämpfen sollen.

Das ist sehr schmeichelhaft. Aber wir haben einen sehr guten Premierminister in Tony Blair und wir haben einen sehr guten designierten Premierminister in Gordon Brown. Als Umweltminister habe ich das Glück, dass beide den Klimaschutz für ein sehr wichtiges Thema halten.

Das Interview führte Markus Hesselmann.

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