Die Menschen haben eine Sehnsucht nach unberührter Natur - aber was ist das schon?

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Urteil zur Gen-Schere : Was man sät
Peter Dabrock Matthias Braun
Crispr/Cas auf den Äckern. Die neue gentechnische Methode hat viel Potenzial, es nicht erforschen zu dürfen, ist auch moralisch fragwürdig.
Crispr/Cas auf den Äckern. Die neue gentechnische Methode hat viel Potenzial, es nicht erforschen zu dürfen, ist auch moralisch...Foto: pa/obs/SWR

Und doch zeichnet sich die Genchirurgie durch einen Unterschied gegenüber der Evolution aus - und der sollte ernst genommen werden: Sie kann unvergleichlich schneller wirken als die uralte Dame. Eine hochdynamische Beschleunigung, auch innerhalb einer Art, wirft Sicherheits-, Nachhaltigkeits- und Biodiversitätsfragen auf. Nun ist es aber so, dass wir Menschen auch unabhängig von der Gentechnik tief in das eingreifen, was wir romantisch und vermutlich wider besseres Wissen Natur nennen und dabei an eine unberührte, wilde Landschaft denken – was ist schon unberührte Natur? Nicht umsonst wird das gegenwärtige erdgeschichtliche Zeitalter ganz unabhängig von der Gentechnik „Anthropozän“ genannt. Doch das ist kein Grund dafür, die Augen vor Risiken einer neuen Technologie, von Crispr/Cas, grundsätzlich zu verschließen.

Wir meinen daher, dass man nicht paternalistisch der Bevölkerung den Eindruck vermitteln sollte, dass die Genschere immer unproblematisch sei. Gerade angesichts des enormen Potenzials müssen Sicherheitsprüfungen nicht nur vorgenommen, sondern in vielen Fällen erst entwickelt werden. In Anbetracht des Umstands, dass sich auch unter Beachtung des Vorsorgeprinzips bisher keine stichhaltige Gefahr des Einsatzes der Genchirurgie in der Landwirtschaft ergeben hat – und bitte nicht die kürzlich veröffentlichten Risiken im Bereich der Gentechnik im Bereich der Medizin einfach auf die Pflanzen übertragen! –, gibt es sachlich gute Gründe, solche Sicherheitsprüfungen schlanker durchzuführen, als es die Freisetzungsrichtlinie für die klassische Gentechnik verlangt.

Drei Dinge sollte die Politik beachten. Erstens: Die aktuellen Debatten um das Urteil des EuGH bestätigen einmal mehr, dass es nicht darum gehen kann, eine Technologie als solche zu regulieren. Die entscheidende Frage ist die: In welchem Kontext und mit welchen Zielen soll die Technologie eingesetzt werden, und welche anderen Verfahren gibt es für die Herausforderungen in den jeweiligen Bereichen bereits? Hier gilt es nüchtern aber eben auch kohärent einzuordnen, abzuwägen und dann entsprechende politische Entscheidungen zu treffen.

Wenn man zweitens glaubwürdig zeigen möchte, dass die neuen molekularbiologischen Technologien nicht einfach alte Gentechnik sind, sondern in bestimmten Anwendungen ein enormes Potenzial besitzen – für die Länder in den heißen Regionen, zu denen offensichtlich, wenn man an die gegenwärtigen dramatischen Ernteausfälle denkt, nicht mehr nur der Süden, sondern auch weite Teile Deutschlands gehören –, dann muss man die Bevölkerung mitnehmen. Heute spricht man gerne vom partizipations- und transparenzorientierten Ansatz des Gesprächs zwischen Wissenschaft, Industrie und Bevölkerung. Transparenz und Partizipation erfordern gar nicht den Verzicht auf Interessen. Agrarunternehmen haben Interessen, aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen: Sie wollen im Gespräch bleiben, Spenden akquirieren und Mitarbeiter beschäftigen – alles völlig legitim.

Wir brauchen in der politischen Gestaltung eine neue Kühnheit

Zugleich sind diese Interessen jedoch nicht selten an asymmetrische Machtstrukturen gekoppelt, so dass Veranstaltungen oft ängstlich in abgeschotteten Umgebungen stattfinden. So kommt es zu Frontstellungen der altbekannten Interessensgruppen statt zu einem breiten und offen Diskurs. Wenn man von Seiten der Politik der Auffassung ist, dass es sich lohnt, das Projekt „neue molekularbiologische Technologien“ ernsthaft in die allgemeine Öffentlichkeit auf breiter Front hineinzutragen, dann muss man tatsächlich Mut fassen, neue Wegen zu gehen und nicht zuletzt auch Geld in die Hand nehmen.

Schließlich drittens: Die jüngere Betrachtung und Gestaltung der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft zeigt, dass viele Menschen spüren, dass sie komplexe wissenschaftliche Sachverhalte nicht mehr begreifen. Ob sie den beteiligten Institutionen Vertrauen schenken, machen sie davon abhängig, ob und wie diese Organisationen Glaubwürdigkeit vermitteln. Glaubwürdigkeit scheint – blickt man auf die klassische Gentechnik – das größte Problem zu sein. Vertrauen zu gewinnen, ist das eine, zerstörtes Vertrauen wiederherzustellen, das andere. Der grünen Gentechnik ist es bisher nicht gelungen. Dennoch sollte man es versuchen. Die beteiligten Akteure sollten überaus selbstkritisch vor dem Hintergrund der wenig ruhmreichen Geschichte zeigen, dass sie willig sind, mit einer Batterie an Maßnahmen Vertrauen zurückzugewinnen. Wir nennen nur: Fehlerkultur schaffen, Verhaltenskodizes erstellen, Ombudsstellen für interne und externe Beschwerden einrichten, Engagement in und für die Öffentlichkeit – und dies, man verzeihe das theologisch angehauchte Vokabular, im Geiste von Demut und Umkehrbereitschaft.

Das Urteil erinnert uns daran: Wir brauchen in der politischen Gestaltung eine neue Kühnheit und vielleicht auch mehr Mut zu größeren Narrativen und Visionen. Denn bei allem Abwägen der Vor- und Nachteile, eine Sache ist klar: Dringend von Nöten ist eine gemeinsame Idee, wie eine nachhaltige Landwirtschaft in Zukunft aussehen soll. Und da gibt es weder ein „weiter so“, noch wird Crispr/Cas den Welthunger beenden. Aber vielleicht schafft es das Urteil des EuGH ja, beiden, rechtsstaatlichen wie zivilgesellschaftlichen Akteuren genau das zu spiegeln: Niemand muss vor dem Urteil verharren wie das Kaninchen vor der Schlange. Politik in Brüssel und den Mitgliedsstaaten, prüft ernsthaft und habt zugleich Mut zu kühnen Visionen!

- Prof. Peter Dabrock und Dr. Matthias Braun arbeiten als Ordinarius und Akademischer Rat am Lehrstuhl für Systematische Theologie/Ethik der Universität Erlangen-Nürnberg. Ihre Kommentierung des EuGH-Urteils basiert auf einem Gutachten, das sie Anfang des Jahres für das BMEL verfasst haben.

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