Urteil zur Gen-Schere : Was man sät

Das strenge EuGH-Urteil zur Crispr/Cas-Genschere war kein Urteil über Agrotechnik und Landwirtschaft der Zukunft. Darüber muss die Politik entscheiden. Möglichst kühn. Ein Essay.

Peter Dabrock Matthias Braun
Crispr/Cas auf den Äckern. Die neue gentechnische Methode hat viel Potenzial, es nicht erforschen zu dürfen, ist auch moralisch fragwürdig.
Crispr/Cas auf den Äckern. Die neue gentechnische Methode hat viel Potenzial, es nicht erforschen zu dürfen, ist auch moralisch...Foto: pa/obs/SWR

Fehlurteil – nicht umsetzbar – verheerendes Signal – Europa wird den biotechnologischen Anschluss endgültig verlieren. Die Bewertungen des Urteils des Europäischen Gerichtshofs zu neuen gentechnischen Methoden sind vor allem von wissenschaftlicher Seite nahezu vernichtend ausgefallen. Haben doch die Richter für viele, selbst Gentechnikkritiker, überraschend entschieden, dass der Einsatz der sogenannten Genschere – die aktuell bekannteste hört auf das Kürzel Crispr/Cas – unter die bald 20 Jahre alte Freisetzungsrichtlinie der EU fallen solle, die strenge Vorgaben für die Verwendung gentechnischer Produkte macht. Nun also gilt das sehr strenge, aufwendige und teure Regelungsregime auch für die neue gentechnologische Wunderwaffe.

Die Hoffnungen der wissenschaftlichen Gemeinde, der Agrarindustrie, aber auch vieler Pflanzenzüchter, dass die Veränderungen einzelner Genabschnitte mittels Crispr/Cas um die hohen Hürden der EU-Richtlinie herumkommen könnten, wurden immer damit begründet, dass zumindest das Produkt bestimmter Anwendungen der präzisen Genveränderung von natürlichen Mutationen gar nicht unterscheidbar sei. Entsprechend könne man auch gar nicht kontrollieren, wie eine Mutation erfolgt sei: auf natürlichem Wege, mit Hilfe der Genschere oder durch bisher als Ausnahme von der Freisetzungsrichtlinie zugelassene Methoden. Für diese „Mutagenese“ genannten Methoden benutzen die Pflanzenzüchter aktuell im Übrigen Röntgenstrahlen oder Chemikalien. Das gilt EU-rechtlich als erlaubt, weil diese Techniken zum Zeitpunkt der Abfassung der Freisetzungsrichtlinie 2001/18/EG als „bekannt“ galten. Blickt man darauf, dass die Konsequenz der Freisetzungsrichtlinie das nahezu vollständige Verschwinden der grünen Gentechnik in Europa zur Folge gehabt hat, liegt man kaum falsch mit der Prognose, dass Ähnliches nun auch der Mutagenese mittels Crispr/Cas blüht: Wissenschaftliche Innovation, aber auch milliardenschwere Investitionen werden aus Europa abgezogen oder nicht mehr eingesetzt. Wenn nicht ...

Halt, erst ein Schritt zurück: Was erwarteten eigentlich die Kritiker des Gerichtsurteils? Richtig liegen sie unseres Erachtens, wenn sie darauf verweisen, wie dürftig die Urteilsbegründung daher- kommt, wie wenig sich die Richter mit dem aktuellen Stand der Forschung auseinandersetzen und ohne Beweisführung behaupten, dass die Risiken der neuen Verfahren denen der alten Gentechnik vergleichbar seien. Was genau gefährlich sei, wird nicht ausgeführt. Für die steile These reicht eine effektheischende Berufung auf das sogenannte Vorsorgeprinzip, dessen kontroverse Deutung überhaupt nicht debattiert wird.

Das Vorsorgeprinzip ist jedenfalls nicht dazu geeignet, jedes auch nur theoretisch denkbare Risiko als Hinderungsgrund für Forschung und – in diesem Fall – Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) zu definieren. Man könnte es auch so formulieren: Das Vorsorgeprinzip kann gerade nicht jede Form von Risiko ausschließen, sondern soll seine Wirkung bei ernsthaft aufgeführten Gründen entfalten. Deren Nachweis bleibt das Gericht schuldig. So weit, so schlecht die Darstellung des „state of the art“.

Dennoch: Das Gericht hatte nicht zu klären, was es selbst möglicherweise für sinnvoll erachtet. Gerichtsurteile sind keine Wunschkonzerte. Vielmehr hatte der EuGH zu prüfen, ob die Freisetzungsrichtlinie den erkennbar von Wissenschaft und Bioindustrie erhofften Spielraum lässt (eine Hoffnung, die vom Generalanwalt des Gerichtshofs im Januar 2018 in seinem Vorentscheid geschürt wurde) – oder ob nicht. Ein juristisches Gutachten kam übrigens schon vor drei Jahren zu letzterem Ergebnis.

Das Misstrauen der Bevölkerung lässt sich nicht einfach beiseite wischen

Statt daher das Urteil als Fehlurteil oder Ausdruck politischer Justiz zu schelten, sollte man den Blick auf die richten, die es sehenden Auges zu diesem Urteil haben kommen lassen. Vornehm formuliert: der unionale Gesetzgeber, verständlich ausgedrückt: die Politik, und konkret: die, die sich in Brüssel zusammensetzen, um die Direktiven und Richtlinien zu schreiben, also die EU-Kommission, der Rat der Regierungen der Mitgliedsländer und das EU-Parlament. Allein auf eine Klärung durch die Rechtsprechung zu hoffen, wie in diesem Fall, löst eben noch nicht die Herausforderungen politischer Gestaltung. Man hat bislang wenig dafür getan, plausibel zu machen, dass die Genschere – jedenfalls bei bestimmten Anwendungen – enormes Potenzial besitzt, den seit vielen Jahren immer verzweifelter geführten Kampf gegen Bodenerosion, Übersäuerung der Flächen und gegen Schädlinge zu entscheiden, und hilfreich zu sein im Ringen für die Nahrungssicherheit der Menschheit. Nachhaltige Landwirtschaft braucht viele Akteure und Werkzeuge. Eines der im globalen Maßstab vielversprechendsten Werkzeuge überhaupt nicht unter Realbedingungen erforschen zu dürfen, ist moralisch fragwürdig. Es gibt eine Verantwortung für das Tun, aber auch für das Unterlassen.

Genau deshalb muss die Politik möglichst zügig Rechenschaft ablegen, wie sie weiter verfahren will: Natürlich hat Gesundheits- und Umweltschutz höchste Priorität. Aber wo sind die Belege, dass beides durch Crispr/Cas gefährdet ist?

Daher unsere Empfehlung: Aufgabe von Politik ist es, nun zu differenzieren. Mutagenese mittels Crispr/Cas kann nicht einfach über den Kamm der Gentechnik im klassischen Sinne geschoren werden. Die wurde aus zwei sich verstärkenden Gründen abgelehnt. Zum einen: Die Einbringung artfremder Gene lud geradezu dazu ein, hierin ein Gefährdungspotenzial zu sehen – dass „wir“ seit Jahrzehnten Fleisch essen von Tieren, die genverändertes Soja als Nahrung zu sich genommen haben, nehmen die meisten allerdings billigend oder unwissend in Kauf. Zum anderen: Die Agrarindustrie, insbesondere der für viele zum Inbegriff des Bösen mutierte amerikanische Monsanto-Konzern (seit Kurzem eine Bayer-Tochter) tat ihr übriges – mit ihren Strategien, Erzeuger oft ausbeuterisch von sich abhängig zu machen und wenig bis keine Sensibilität für Fragen der Nachhaltigkeit und Biodiversität zu entwickeln. Da versteifte sich intuitiv ein Großteil erst der deutschen, dann der europäischen Bevölkerung darauf, dieses großkapitalistische Gebaren behindern zu wollen, indem man wenigstens dessen eingesetzte Technik bekämpfte. Egal, wie der Stand der Forschung sich veränderte. Kenner der Landwirtschaftsszene sagen, dass die aufwendige Prüfung, die durch den EuGH gefordert wird, besten- oder schlechtestenfalls von den Großkonzernen gestemmt werden kann. Die kleinen und mittleren Unternehmen, oft Familienbetriebe, dürften auf der Strecke bleiben. Das von zivilgesellschaftlichen Gruppen bejubelte Urteil könnte daher zum paradoxen Effekt führen: Die Diversität in der Pflanzenzüchtung könnte gefährdet, die durch Agrokonzerne bewirkte Monokultur weiter zunehmen.

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Umgekehrt können weder Politik noch Wissenschaft und erst recht nicht die Agroindustrie so tun, als ob das tiefe Misstrauen der Bevölkerung in die Gentechnik mit ein paar Aufklärungskampagnen wie ein Federstrich wegzuwischen sei. Natürlich ist es sinnvoll, darauf hinzuweisen, dass mit Crispr/Cas auch fremdes Genmaterial in eine Pflanze eingebracht werden kann. Für diese Fälle sollte selbstverständlich die Freisetzungsrichtlinie Anwendung finden. Es sollte aber auch klar sein, dass, nüchtern betrachtet, Anwendungen, die naturidentisch wirken, etwas anderes sind als transgene Pflanzen. Hier wirkt die Genschere wie die Evolution, die im Übrigen, bildlich gesprochen, der größte Mutagenese-Produzent ist.

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