US-Außenpolitik : „Was wir brauchen, ist ein eisenhartes Bekenntnis zur Nato“

Ist Donald Trump außenpolitisch erfolgreicher als Barack Obama? Nein, sagt dessen ehemaliger Vertrauter Ben Rhodes und erklärt, warum er das nicht glaubt.

Christoph von Marschall
Ben Rhodes, Jahrgang 1977, hat ein lesenswertes Buch über seine Zeit im Weißen Haus geschrieben, das nun auf Deutsch erscheint.
Ben Rhodes, Jahrgang 1977, hat ein lesenswertes Buch über seine Zeit im Weißen Haus geschrieben, das nun auf Deutsch erscheint.Foto: imago/APress

Ben Rhodes kennt sich aus mit Jetlags. 2007 stieß der heute 41-Jährige als Redenschreiber zum Wahlkampfteam des damaligen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und avancierte später zu dessen außenpolitischen Berater. Er führte unter anderem die Verhandlungen, die später in eine Öffnung der USA zu Kuba mündeten und begleitete Barack Obama auf den meisten seiner Auslandsreisen. Es gäbe verschiedene Jetlag-Typen, sagt Ben Rhodes am Mittwoch in Berlin. Bei ihm sei es in der Regel so, dass er erst einmal drei Tage lang auf Adrenalin sei und gar nichts merke. Dann plötzlich falle ihm auf: Wow, ich bin ja müde.

Ein bisschen müde sieht er tatsächlich aus während des Interviews in einem Hotel in Mitte, gestochen formulieren kann er trotzdem. Es läuft einschläfernde Lobbymusik, hinter ihm ein großes ovales Fenster mit Blick auf die belebte Friedrichstraße, ohne dass ein Laut in das Gebäude dringt. Es ist eine Atmosphäre wie in einem Aquarium und auch das dürfte Rhodes bekannt vorkommen, nämlich aus „The Beast“, der Limousine des Präsidenten. In seinem neuen Buch, das er gerade in Deutschland bewirbt, beschreibt Rhodes das seltsame Gefühl, überall auf der Welt an winkenden, staunenden Menschenmengen vorbei zum Flughafen gefahren zu werden, Menschen, die man nie wirklich kennenlernen wird, abgeschirmt auch von jedem Geräusch.

Donald Trump, sagt Ben Rhodes, werde seine exzentrische Außenpolitik in einer zweiten Amtszeit noch aggressiver fortsetzen

Rhodes Buch, „The World as It Is“, ist im vergangenen Jahr in den USA erschienen, jetzt ziehen die europäischen Verlage nach: „Im Weißen Haus“ ist der deutsche Titel (C. H. Beck). Rhodes Fähigkeit, den Blick hinter die Kulissen sehr lebendig und persönlich zu beschreiben, kombiniert mit klugen Gedanken zur Weltpolitik, machen „Im Weißen Haus“ sehr lesenswert. Es ist außerdem eine fast intime Nahbetrachtung von Barack Obama.

Reden möchte man mit ihm natürlich aber vielmehr über Donald Trump. Ist der nicht viel erfolgreicher in seiner Außenpolitik, als viele zugeben möchten? China hat er zu Verhandlungen über die Handelspraktiken des Landes gezwungen, die auch die Obama-Regierung schon kritisch sah. Mit Nordkorea führt er Verhandlungen über atomare Abrüstung. Und die Europäer machen erste Schritte, um in der Verteidigungspolitik unabhängiger von den USA zu werden – eine Forderung amerikanischer Außenpolitik auch schon lange vor Donald Trump.

„Die These höre ich immer wieder“, sagt Rhodes. „Und ich halte sie für verrückt.“ Dann legt er los. Erstens, China. Auf unfaire chinesische Handelspraktiken zu antworten, sei tatsächlich richtig.  Vielleicht hätte auch die Obama-Administration mehr tun können, gibt er zu, man sei aber auf die chinesische Unterstützung bei der Überwindung der globalen Finanzkrise angewiesen gewesen. Trump Konfrontationspolitik, gepaart mit dem Ausstieg aus dem US-pazifischen Freihandelsabkommen TPP habe aber letztlich nur zur Folge, dass die USA in Asien weiter isoliert würden.

In den Verhandlungen mit China und Nordkorea, so Rhodes, habe Trump mehr verbaut als gewonnen

Zweitens, Nordkorea. In seinem Buch und auch im Gespräch bricht Ben Rhodes eine Lanze für das Reden mit Gegnern. Die Isolation hat in Kuba nicht zu anderen Verhältnissen geführt – und natürlich könne man auch mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim-Jong Un sprechen. Trumps Nordkorea-Politik fehle allerdings ein klares Ziel. Die vollständige Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel sei eine Illusion. Also müsse man andere Forderungen formulieren: eine Teilvernichtung nuklearer Waffen, internationale Inspektionen. Doch Trump habe sich selbst einen bedeutenden Teil der diplomatischen Verhandlungsmasse genommen, indem er das Treffen der Staatschefs, das Un als internationale Anerkennung interpretieren konnte, gleich an den Anfang der Gespräche stellte.

Drittens, Europa. Ja, die Europäer tun mehr für ihre sicherheitspolitische Unabhängigkeit als früher. Doch was sei die Wert ohne ein gutes transatlantisches Verhältnis – und möglicherweise ohne die Nato? „Was wir brauchen, ist ein eisenhartes Bekenntnis zu Artikel 5“, also zum Artikel im Nato-Vertrag, der den Bündnisfall regelt. Das Trump sich zur Nato bekannt hat, will er nicht gelten lassen. „Und wer glaubt das?“

Zu welcher transatlantischen Strategie also würde er den Europäern raten? Bis zur amerikanischen Präsidentschaftswahl 2020, so Rhodes, brauche es keinen radikalen Strategiewechsel. Die Europäer sollten versuchen, „die Ordnung aufrechtzuerhalten“ und abwarten. Sollte Trump allerdings wiedergewählt werden, werde die internationale Ordnung zerfallen. Je weniger Trump innenpolitisch bewirken könne – und mit der demokratischen Mehrheit im Kongress ist das derzeit wenig – desto stärker sei die Versuchung, außenpolitische Zeichen zu setzen. Schon im vergangenen Jahr habe Trump immer rücksichtsloser „seine exzentrische außenpolitische Agenda in die Tat umgesetzt, ein systematisches Auflösen der internationalen Ordnung“. „Ich sehe nicht, wie die USA in acht Jahren Trump Mitglied der Welthandelsorganisation bleiben“, so Rhodes düstere Prognose.

Allerdings sieht er sehr gute Chancen für die Demokraten, die nächste Wahl zu gewinnen. Welche Kandidaten er für besonders aussichtsreich halte, will man noch wissen. „Kamala Harris und Beto O’Rourke“, sagt Rhodes. Beide hätten das Potenzial, sowohl junge Wähler als auch Minderheiten und die weiße Mittelschicht hinter sich zu vereinen.

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