US-Demokraten suchen Kandidaten : Wenig Trump, dafür viel Spanisch

Die ersten Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten treffen im TV aufeinander. Den Gegner im Weißen Haus erwähnen sie erstaunlich selten.

TV-Auftritt der ersten zehn US-Demokraten: Elizabeth Warren (Mitte)
TV-Auftritt der ersten zehn US-Demokraten: Elizabeth Warren (Mitte)Foto: Reuters/Mike Segar

Die vielleicht größte Überraschung der ersten TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten in der Nacht zu Donnerstag? Wie wenig derjenige erwähnt wurde, von dem sie alle annehmen, dass sie ihn im November des kommenden Jahres schlagen können: US-Präsident Donald Trump war ein weniger großes Thema als gedacht.

Am ehesten wird in diesem Zusammenhang die knappe Antwort des Gouverneurs des Bundesstaats Washington auf die Frage nach der größten geopolitischen Bedrohung für die Vereinigten Staaten in Erinnerung bleiben: "Donald Trump", sagte Jay Inslee. Das Publikum in Miami war begeistert.

Dem Präsidenten, der sich eigentlich auf dem Weg zum G-20-Treffen in Japan befand, fiel sein eigener Bedeutungsverlust offenbar auch auf.

Beim Zwischenstopp in Anchorage im Bundestaat Alaska twitterte er nur ein Wort: "LANGWEILIG."

Schon während der zweistündigen Debatte der ersten zehn von inzwischen bereits 24 Kandidaten - weitere zehn diskutieren an diesem Donnerstagabend, darunter die Favoriten Joe Biden und Bernie Sanders - wurde auf Twitter und auf anderen Kanälen bewertet, gewichtet, beurteilt. Die große Frage: Wer hat an diesem Abend gewonnen?

Elizabeth Warren war die große Favoritin

Eine klare Antwort gibt es darauf nicht, was vielleicht angesichts der Größe des Kandidatenfelds zu erwarten war. Als heiße Favoritin war Elizabeth Warren in die Debatte gegangen. Und vor allem in der ersten Hälfte dominierte die Senatorin aus Massachusetts auch, zumindest was den Anteil ihrer Redebeiträge betrifft. Fast schien es, als wollten die Moderatoren bei jedem der Themen ganz besonders ihre Meinung hören, sie sprachen die 70-Jährige häufiger als alle anderen an. Aber gerade am Anfang wirkte sie deutlich nervöser, als man es von ihr gewohnt ist, die Bürde des Frontrunners wiegt offenbar doch schwer.

Was aber in der Gesamtschau des Abends auffällt, ist, dass es eben auch immer wieder um politische Ideen ging, die sie zuvorderst geprägt hat. Mit ihren vielen Vorschlägen für konkrete Gesetzesvorhaben dominiert Warren derzeit den innerparteilichen Diskurs der Demokraten. Wie um das noch zu unterstreichen, schickte ihr Kommunikationsteam noch während der Debatte gleich sieben Info-Mails mit unterschiedlichen Themen und Gesetzesvorhaben an ihre Unterstützer raus. Nach dem Motto: Falls diese in der Hitze des Gefechts nicht alles so genau verstanden haben... Bei CNN hieß es im Anschluss, Warren sei der "Schrittmacher" der Debatte gewesen, alles habe sich um ihre Ideen gedreht. Das wiederum war tatsächlich zu erwarten gewesen.

Engagiert: Elizabeth Warren
Engagiert: Elizabeth WarrenFoto: AFP/Getty/Joe Raedle

So richtig positiv überrascht hat dagegen ein anderer Kandidat: Julián Castro, unter Trumps Vorgänger Barack Obama Wohnungsbauminister. War der 44-Jährige vor diesem Abend noch im Feld der Kandidaten, die kaum einer auf dem Zettel hat, so könnte sich das am Mittwochabend geändert haben. Besonders beeindruckend war die Art und Weise, wie er den (inzwischen) einstigen Hoffnungsträger Beto O'Rourke quasi ausschaltete. Der ehemalige Kongressabgeordnete aus Texas, der durch seinen starken Senatswahlkampf im vergangenen Jahr landesweit von sich reden machte, schwächelte bereits gewaltig, als Castro, ebenfalls Texaner, ihn ausgerechnet beim aktuellen Topthema Immigration blass aussehen ließ.

Anders als O'Rourke und der Großteil der anderen Kandidaten beließ es Castro nicht dabei, emotional auf die tragischen Geschichten wie die des mit ihrem Vater ertrunkenen Flüchtlingsmädchens zu reagieren, deren Bild am Mittwoch durch die Welt ging. Castro, der auch mal Bürgermeister von San Antonio war und ein Experte beim Thema Einwanderung ist, äußerte seine Verachtung für Trumps Politik der Abschottung. Aber dann ging er rasch zu konkreten Alternativvorschlägen über wie der Forderung nach einem Ende der Familientrennung und einer Bekämpfung der Fluchtursachen. Konkret kündigte er für den Fall seiner Wahl einen "Marshallplan" für Honduras, Guatemala und Honduras an, jene Staaten, aus denen derzeit immer mehr Menschen vor Armut und Gewalt fliehen. O'Rourke kam dagegen mit seiner vermeintlichen Originalität, einen Teil seiner Antwort auf Spanisch zu formulieren, nicht an.

Spanisch war die Sprache des Abends

Überhaupt Spanisch: Wer der Sprache der vielen Einwanderer an diesem Abend nicht mächtig war, schien beinahe in der Minderheit. Nach O'Rourke führte auch Cory Booker, der Senator aus New Jersey, sein Spanisch vor, später folgte einer der Moderatoren diesem Beispiel - und ganz am Ende wünschte sich Castro, dass man am 20. Januar 2021 "Adios" zu Donald Trump sagen werde. An diesem Tag übernimmt der neu gewählte Präsident die Amtsgeschäfte.

Bei den übrigen Kandidaten fiel noch am ehesten New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio auf, der mit seinen Attacken die Debatte frühzeitig aufmischte. Das war nicht besonders sympathisch, aber effektiv. Und für einen klaren Außenseiter wohl eine Gelegenheit, darauf aufmerksam zu machen, dass er auch noch im Rennen ist.

Amy Klobuchar, die Senatorin aus Minnesota, setzt sich von den meisten ihrer Mitbewerber damit ab, dass sie für ein Zusammenarbeiten mit den Republikanern im Kongress wirbt, um "die Dinge erledigt zu bekommen". Ihr Auftritt war solide, sie war gut vorbereitet und themenstark.

Dass sie die anderen sich streiten ließ und dabei oft gelassen lächelte, wirkte sympathisch, hinterließ aber auch den Eindruck, dass sie nicht allzu bereit zum Kämpfen ist. Doch wer das innerparteiliche Ringen um die Nominierung und dann später gegen Donald Trump gewinnen will, sollte da nicht allzu zurückhaltend sein.

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