US-Präsident Trump : Er beleidigt, weil er nicht anders kann

Ob Nordkorea, Russland-Connection oder der Streit mit Bannon: Donald Trump reduziert die Welt auf das Prinzip „Ich gegen dich“ - und ist damit verblüffend erfolgreich. Ein Kommentar.

Videobotschaft des US-Präsidenten bei einer Pressekonferenz mit Sprecherin Sarah Huckabee Sanders.
Videobotschaft des US-Präsidenten bei einer Pressekonferenz mit Sprecherin Sarah Huckabee Sanders.Foto: Reuters/Carlos Barria

Nun streitet er auch noch mit seinem ehemaligen Chefstrategen. Und wieder auf diesem Niveau, das mehr nach einem Hahnenkampf aussieht, bei dem am Ende einer gewinnt und der andere halb tot liegen bleibt, als nach einer Meinungsverschiedenheit, für die eine Lösung gesucht wird.

Donald Trump macht in diesen Tagen vermutlich vor allem jenen Freude, die ihm schon früh jedes Gran an Konfliktfähigkeit abgesprochen haben. Wenn Trump Ärger sieht, sieht er Gegner und Feinde – und rot. Dass es ihm in seiner Twitterschlacht gegen den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un nicht zu peinlich war, die Größe der Knöpfe zum Thema zu machen, die jeder von ihnen auf seinem (wie hohen?) Schreibtisch habe, um damit einen (wie bombastischen?) Atomschlag auszulösen, war abermals jenseits dessen, was als vorstellbar galt im zwischenstaatlich-öffentlichen Dialog.

Hinzu kam jetzt der Schlagabtausch mit Steven Bannon. Der Ex-Berater Trumps hat in Interviews, die kommende Woche in einem Buch vorkommen, dessen Sohn und dessen Schwiegersohn in der Russland-Affäre schwer belastet und ihnen „Verrat“ vorgeworfen. Trumps Antwort: Bannon habe, als er im August aus dem Weißen Haus entlassen wurde, offenbar „den Verstand verloren“.

Auch andere Politiker und Staatschefs wüten verbal: Der türkische Präsident beleidigte zuletzt ausgiebig Vertreter der deutschen Politik, der russische Präsident erklärte 2015 nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkische Luftwaffe, Allah habe die türkische Führung um den Verstand gebracht, der philippinische Präsident Duterte nannte Trumps Vorgänger Barack Obama einen „Hurensohn“.

„Er kämpft, um zu gewinnen, aber er weiß nie, wofür“

Doch drängt sich bei keiner dieser Entgleisungen der Verdacht auf, sie dienten der Entlastung. Genau das indes wähnt man bei Trump: Er beleidigt nicht wie Putin, Erdogan & Co. aus strategischen Überlegungen, er beleidigt, weil er nicht anders kann.

Die Welt, wie Trump sie mag, ist die Welt als Hahnenkampf-Arena: klare Grenze, klarer Kampfauftrag, keine Grauzonen, keine Details. Komplexe, schwierig zu beurteilende Sachverhalte werden so lange vereinfacht, bis sie auf der „Ich gegen dich“-Ebene angekommen sind. Trump ist verblüffend erfolgreich darin, diese Sicht durchzusetzen. Die Frage nach der Russland-Connection – die Frage also, ob sein Wahlkampfteam sich vom Kreml helfen ließ – hat er zu einem Kampf der Ermittler gegen ihn persönlich umgewidmet. Zu diesem Kampf gehört jetzt auch Bannon, der zwar selbst ein Hetzer ist, aber nicht aus Gründen intellektueller Überforderung. Und so läuft es auch mit Nordkorea.

Überfordert zu sein von Situationen, ist, wie jeder Mensch wissen dürfte, frustrierend. Es kann zu Übersprungshandlungen verleiten, die einem verloren gegangenes Selbstvertrauen und verloren geglaubtes Prestige zurückgeben sollen. „Er kämpft, um zu gewinnen, aber er weiß nie, wofür“, hat der US-Psychologe Dan McAdams über Trump gesagt. Das allerdings ist das Ende von Politik.

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