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US-Präsidentschaftskandidaten : Bernie Sanders will es wieder wissen

Der 77-jährige US-Senator Bernie Sanders will bei der Präsidentschaftswahl 2020 antreten. Der Linke ist vor allem bei jungen Demokraten populär.

Noch einmal: Bernie Sanders, hier im Vorwahlkampf 2016, versucht wieder, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden.
Noch einmal: Bernie Sanders, hier im Vorwahlkampf 2016, versucht wieder, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden.Foto: imago/ZUMA Press

Eigentlich spricht alles gegen ihn. Bernie Sanders ist 77 Jahre alt, im Falle eines Wahlsiegs wäre er beim Amtsantritt 79. Er ist weiß, männlich und steht für eine Politik, die eher in Europa als in den USA mehrheitsfähig ist. Er ist parteilos, was in einem Land mit nur zwei relevanten Parteien kein Vorteil ist, und er hat bereits einmal das Kandidatenrennen der Demokraten für eine Präsidentschaftswahl verloren. Nein, Bernie Sanders klingt nicht wie der perfekte Kandidat, um US-Präsident Donald Trumps Wiederwahl im November 2020 zu verhindern. Dennoch hat der Senator aus Vermont, der in der Kongresskammer mit den Demokraten stimmt, am Dienstag bekanntgegeben, dass er es noch einmal wissen will.

Ist das nun die aussichtslose Kandidatur eines alten Dickkopfs? Nicht unbedingt. Denn die Stimmung ist definitiv eine andere als im vergangenen Wahlkampf. Die enorme Zustimmung für den neuen Star der Linken, Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) – wäre sie nicht erst 29 Jahre alt, würden ihre Fans die frisch gewählte Kongressabgeordnete wohl selbst als Kandidatin ins Spiel bringen –, zeigt, was sich in den USA verändert. Ihre großen Themen, ein „Green New Deal“, Stärkung der Arbeitnehmerrechte, staatliche Gesundheitsversorgung für alle sowie die Kampfansage an Wall Street und übermächtige Konzerne, sind auch Sanders’ Themen. Beide bezeichnen sich als „demokratische Sozialisten“, ihre Politik ist aber zumindest aus europäischer Sicht weniger „sozialistisch“ als „sozialdemokratisch“ – und kommt bei den Jungen gut an.

Viele junge Amerikaner werden zu Kapitalismuskritikern

In Umfragen zeigen sich vor allem jüngerer Amerikaner zunehmend skeptisch gegenüber dem Modell des amerikanischen Kapitalismus – und offener für „sozialistische“ Politikansätze à la AOC und Sanders. Dass der Internetkonzern Amazon, der mit Jeff Bezos dem reichsten Menschen der Welt gehört, im vergangenen Jahr trotz eines Elf-Milliarden-Dollar-Gewinns keine Steuern zahlte, empört viele. Und verleiht der Forderung nach einer Reichensteuer neues Gewicht, zusätzlich zu der Tatsache, dass dies auch eine Folge der Steuerreform von Trump ist.

Auf der anderen Seite freuen sich Trump und seine Republikaner über ein griffiges Wahlkampfthema. So warnte der Präsident in seiner Rede zur Lage der Nation vor zwei Wochen unter großem Applaus vor dem angeblich aufkeimenden Sozialismus in den USA. „Wir sind frei geboren, und wir werden frei bleiben“, sagte er da. Die Vereinigten Staaten würden niemals ein sozialistisches Land werden. Bei einem Auftritt vor Exilvenezolanern in Miami am Montag nutzte er gar die katastrophale Lage in deren Heimat für innenpolitische Zwecke, indem er erneut vor den Gefahren durch Sozialismus warnte. Bei seinen Anhängern, von denen viele den Kalten Krieg voll erlebt haben, kommt diese Rhetorik an.

Sanders' Kandidatur könnte die Gegenseite mobilisieren

Für die Demokraten birgt Sanders’ Kandidatur daher eine große Gefahr: Sein Wahlkampf könnte auch die Gegenseite mobilisieren. Dass er trotz seines Alters in der Lage ist, junge linke Wähler zu begeistern, ist zwar ein Potenzial, das nicht unterschätzt werden darf. Doch unterliegt er erneut im Kandidatenrennen, wie bereits 2016 gegen die frühere Außenministerin Hillary Clinton, könnte das deren Elan schnell wieder zum Erliegen bringen. Viele seiner Anhänger sind überzeugt davon, dass Sanders Trump hätte besiegen können. Ob diese Enttäuschten sich dann automatisch hinter einen gemäßigteren Kandidaten stellen würden, ist offen.

Mit den Zwischenwahlen im November 2018 hat sich das Gesicht der Demokraten deutlich verändert. Ihre Vertreter im Kongress sind jünger, weiblicher und deutlich diverser. Die Versuchung, angesichts der Dynamik in der Partei auf einen linken Kandidaten zu setzen, ist groß. Doch die meisten Wahlforscher sind sich einig, dass auch in den USA die Wahlen in der Mitte gewonnen werden, zumindest derzeit noch. Ein zu progressiver Kandidat könnte Wechselwähler etwa im „Heartland“ jenseits der modernen Großstädte an den Küsten abschrecken, aber auch Unternehmer, die eine stärkere staatliche Regulierung fürchten, wie sie Sanders und Ocasio-Cortez vorschwebt.

Sanders’ Kandidatur war erwartet worden. Eigentlich hat er mit seiner Kampagne auch nie aufgehört: Seine Town-Hall-Meetings, die er regelmäßig zu Themen wie Arbeitnehmerrechte oder Klimawandel abhält, sind meist gut besucht. 2016 war er Clinton nur knapp unterlegen, die dann gegen Trump verlor. Jetzt will Bernie Sanders zeigen, dass er es besser kann.

Trump reagierte für ungewöhnlich sanft auf Sanders' Kandidatur. „Ich mag Bernie“, sagte Trump am Dienstagnachmittag in Washington. „Ich wünsche ihm alles Gute.“ Er sei gespannt, wie sich Sanders schlagen werde. Eine Spitze konnte sich Trump aber doch nicht verkneifen: „Ich glaube, er hat seine Zeit verpasst.“ (mit dpa)

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