Venezuela : Chavez-Berater: „Maduro ist schachmatt, er muss ins Exil“

Der ehemalige Berater von Hugo Chavez, Heinz Dieterich, über die Gefahr eines Bürgerkriegs in Venezuela. Ein Interview.

Ina Bullwinkel
Unbeirrbar: Machthaber Nicolas Maduro.
Unbeirrbar: Machthaber Nicolas Maduro.Foto: AFP

Herr Dieterich, Sie kennen sich aus mit den Machtstrukturen in Venezuela, haben den sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez beraten. Wie lange kann sich dessen Nachfolger Nicolás Maduro noch halten?

Möglicherweise nur noch zwei bis drei Wochen. Dann wird der Druck aus dem Ausland zu stark. Die USA üben – völkerrechtswidrig – enormen Druck aus, indem sie Wirtschaft und Bevölkerung strangulieren. Denn darum geht es, wenn die Öleinkommen des Landes konfisziert werden. Auch auf die militärische Drohung von US-Präsident Trump hat Maduro keine Antwort.

Kann Maduro nicht auf Hilfe von Russland und China hoffen?

China und Russland können und werden nicht bereit sein, Venezuela mit riesigen Geldmitteln, einem Marshall-Plan oder auch stärkerer militärischer Unterstützung am Leben zu halten. Sie wären allerdings sehr wichtig in der Aufgabe, Übergangsbedingungen für einen neuen demokratischen Anfang zu schaffen, damit die Bevölkerung nicht allzu sehr leidet.

Setzen Sie dabei auf die EU?

Nicht mehr. Die Kontaktgruppe der EU hätte als neutraler Vermittler zwischen den Fronten eine große Rolle spielen können. Doch diese Chance wurde mit der Anerkennung von Oppositionsführer Guaidó als Interimspräsident vertan.

Warum?

Mit der Anerkennung Guaidós hat sich die EU auf die Seite von Trump gestellt und ist damit kein objektiver Makler mehr, sondern Teil des Konflikts. Die EU hat sich selbst in den Fuß geschossen und ihre Vermittlungsfähigkeit stark gemindert – gegenüber China und Russland und auch gegenüber Maduro.

Wer kann den drohenden Bürgerkrieg noch verhindern?

China und Russland haben noch die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Die beiden Länder müssen mit Maduro reden. Sie müssen versichern, dass bei seinem Rückzug erstens kein Blut fließt und die internationalen Wirtschaftsbeziehungen des Landes für die Zukunft gesichert sind. Russland und China müssen außerdem den Militärs in Venezuela klarmachen, dass Maduro nicht mehr tragfähig ist.

Russland und China sollen den Weg für Oppositionsführer Guaidó frei machen?

Nein. Es kann nur um einen dritten Kandidaten gehen. Nicht um Guaidó, den Kandidaten der USA, und auch nicht mehr um Maduro, den Kandidaten des gescheiterten Regimes. Gebraucht wird jemand, mit dem alle einverstanden sind. Das würde die Militärs zum Nachdenken bringen.

Sie sehen mit Guaidó als Präsident keine Besserung. Trotzdem haben viele Menschen in Venezuela die Hoffnung, dass er die Lage im Land verbessern kann.

Aufgrund Guaidós Image als junger, dynamischer und scheinbar demokratischer Politiker glauben viele Venezolaner, dass es nicht schlechter werden kann als mit Maduro. Ich denke aber nicht, dass sie ihn als idealen Kandidaten empfinden, sondern eher als kleineres Übel. Es gibt auch eine wachsende Gruppe, die weder Maduro noch Guaidó zum Präsidenten haben will. Es kommt jetzt darauf an, eine Führung zusammenzustellen, die das Land mit internationaler Hilfe so schnell wie möglich in Bewegung bringt.

Ein General hat sich bereits von Maduro losgesagt und ist zu Guaidó übergelaufen. Kann sich Maduro noch auf das Militär verlassen?

Das Militär ist gespalten. Die Isolierung Maduros nimmt zu und Tag für Tag erhöht sich der Druck. Die Militärs sehen das und wissen, dass es keinen Sinn hat, eine Schlacht zu führen, wenn der Krieg verloren ist. Für Hugo Chávez, der ein militärischer Führer war, wären sie in den Krieg gezogen, aber nicht für Maduro. Deswegen werden die Militärs ihn nicht mehr lange unterstützen. Es ist eine Frage weniger Wochen, bis Maduro ins Exil gehen muss. Er ist schachmatt. Das Desertieren wichtiger Funktionäre wird immer häufiger werden und jeder desertierte hohe Offizier oder Zivilbeamte schwächt die Regierung. Die Signale, die Maduro aus seinem Apparat erhält, werden immer deutlicher und er muss entscheiden, wie er enden will.

Heinz Dieterich (76) ist Sozialwissenschaftler und lebt in Mexiko-Stadt. Er diente Maduros Vorgänger, dem sozialistischen Staatschef Hugo Chávez, jahrelang als persönlicher Berater. Das Gespräch führte Ina Bullwinkel.

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