Ein Mann der Widersprüche.

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Venezuelas Präsident ist tot : Hugo Chavez: Das Ende eines großen Patriarchen

Es sind die Widersprüche, die an Chávez so irritieren. Und die sein revolutionäres Projekt gefährden. Chávez wollte immer das Maximale, versuchte unmögliche Spagate, war oft auf Krawall aus. Auf der einen Seite nahm er die Rolle des lateinamerikanischen Caudillos ein, des starken Manns. Er feuerte seine Minister vor laufenden Kameras, sprach von sich in der dritten Person. Und er kümmerte sich um alles persönlich: vom Kauf russischer Kampfjets über die Nationalisierung von Gasförderanlagen bis zum Bau von Häusern im hinterletzten Dorf. Gleichzeitig aber wollte er eine partizipative Demokratie aufbauen und die Venezolaner zu mehr Eigeninitiative ermutigen. Wie das funktionieren sollte bei einem Führer, der einen von jeder Hauswand anschaut, blieb unklar. Als Anfang Januar die Feier zu seiner Vereidigung ohne ihn in Caracas stattfand, schworen Hunderttausende: „Yo soy Chávez!“ – Ich bin Chávez!

Man könnte sich stundenlang Anekdoten erzählen: Wie Chávez auf einem Gipfeltreffen Spaniens Ex-Premier Aznar einen Faschisten nennt – und der spanische König ihm rät, „die Klappe“ zu halten. Wie er sich von Naomi Campbell interviewen lässt oder Barack Obama ein Exemplar der „Offenen Adern Lateinamerikas“ schenkt (auf Spanisch, das Buch stieg bei Amazon sofort auf Platz eins). Dass er Sean Penn, Diego Maradona und Harry Belafonte zu seinen Freunden zählte.

Hugo Chávez
Venezuela ist geschockt: Hugo Chavez ist tot.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: dpa
06.03.2013 08:21Venezuela ist geschockt: Hugo Chavez ist tot.

Genauso endlos könnte man sich über die Folgen von 14 Jahren Chávez streiten. Er, der politische Autodidakt, wollte ein ganzes Land ad hoc umkrempeln. Das Ergebnis ist dementsprechend paradox.

Chávez goldene Regierungsjahre dauerten von 2004 bis 2008, als die Öleinnahmen sprudelten. Mit ihnen finanzierte er die „Misiones“: Nachbarschaftszentren, in denen Lesen und Schreiben gelehrt wird und die medizinische Versorgung kostenlos ist. Die Einschulung von Kindern fördert die Regierung mit gratis Mahlzeiten, außerdem öffnete sie Staatsläden mit billigen Grundnahrungsmitteln. Das positive Ergebnis: Zwischen 1998 und 2008 sank in Venezuela der Anteil der Armen von 60 auf 27 Prozent. Der Analphabetismus wurde beseitigt und Millionen von Menschen gingen erstmals zum Arzt. Das negative: Man gewöhnte sich an erdölfinanzierte Regierungsgeschenke; Bürokratie und Korruption infizierten die Programme.

Zudem versäumte es Chávez, neben dem Öl weitere Industrien aufzubauen. Weil alles mit Petrodollars importiert werden kann, wird in Venezuela nichts mehr produziert. Es ist zeitweise einfacher, in Caracas Whisky zu kaufen als Milch. Mal fehlt Reis, dann Mehl, dann Butter. Chavez` Rezept: Die Regierung lässt unter großem Tamtam die Lagerhäuser privater Unternehmen öffnen. Hinzu gesellt sich eine galoppierende Inflation. Doch weder mit ihr noch mit der extrem hohen Kriminalität oder der ausufernden Vetternwirtschaft bringen die Chavisten ihren Führer in Verbindung. Er steht über den Dingen, ähnlich wie sein Vorbild Fidel Castro in Kuba, wo er sich zuletzt zu langwierigen Operationen aufhielt.

Im Rest des Kontinents betrachtete man Chávez mit gemischten Gefühlen. Er war der radikalste Vertreter der neuen Linken und stahl Sozialdemokraten wie Lula da Silva die Show. Dass „dieser Chávez nervt“, stöhnte der Brasilianer. Die US-Regierung sah in Chávez unterdessen eine „Gefahr für die Region“. Dabei war er vor allem eine Gefahr für die Hegemonie der USA. Chávez strebte „La Gran Patria Latinoamericana“ an. Er gründete mit Ecuador, Kuba, Bolivien und Nikaragua den Wirtschaftsverbund ALBA, der auf dem Tauschhandel beruht: venezolanisches Öl gegen kubanische Augenärzte. Außerdem hat er sein Land in den Wirtschaftsraum Mercosur mit Argentinien, Brasilien und Uruguay geführt. Kleine karibische Nationen sowie Slums in den USA beliefert er mit günstigem Öl. Gleichzeitig hat er sich jedoch auch mit Gestalten wie Ahmadinedschad und Alexander Lukaschenko verbrüdert, weil diese vom „bösen Imperium“ USA bedroht werden. Genau wie er. Chávez' Weltbild ist schwarzweiß: „Sozialismus oder Tod!“

Von Napoleon, sagte Chávez einmal, habe er gelernt, dass es die historische Stunde, die strategische Minute und die taktische Sekunde gebe. Nun hat seine Zeit nicht einmal mehr gereicht, um seine vierte Amtsperiode auszufüllen. Er hinterlässt vier Kinder von zwei Frauen und 30 Millionen Venezolaner, die nicht wissen, wie es weitergehen wird. „Wir sind nicht perfekt, aber wir haben Demokratie“, sagte Hugo Chávez einmal. Das zumindest ist nicht so leicht zu bestreiten.

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