Versorgung regional sehr unterschiedlich : Berlin hat die höchste Psychotherapeuten-Quote

Berlin hat eine mehr als dreimal so hohe Psychotherapeuten-Quote wie Brandenburg. Doch ungleiche Verteilung ist nicht das einzige Problem.

Dunkle Phasen. Psychotherapie ist immer stärker gefragt.
Dunkle Phasen. Psychotherapie ist immer stärker gefragt.Foto: Julian Stratenschulte dpa

Der Zugang zur Psychotherapie ist für Patienten in Deutschland einfacher geworden, allerdings sind die Wartezeiten auf eine Therapie mit teilweise mehr als drei Monaten nach wie vor sehr lang. Außerdem sind die Therapeuten sehr ungleich verteilt. So kommt Berlin mit 72 Therapeuten pro 100.000 Einwohner auf die höchste Therapeutendichte aller Bundesländer. Sachsen-Anhalt und Brandenburg kommen nicht einmal auf ein Drittel davon.

Die Zahlen stammen aus dem Barmer-Arztreport, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Die Studie zieht erstmals eine Bilanz der vor drei Jahren überarbeiteten Richtlinie für Psychotherapeuten. Hauptziel des damaligen Vorstoßes war es, psychisch Erkrankte schneller in Behandlung zu bringen. Das ist aus Wissenschaftlersicht aber nur teilweise gelungen. 

Neun Prozent der Patienten warten länger als drei Monate

Zwischen 2017 und 2018 wandten sich zwar rund 175.000 Patienten mehr an einen Psychotherapeuten als anhand der Entwicklung in den Vorjahren zu erwarten gewesen wäre. Allerdings ist die regionale Verteilung nach wie vor sehr unterschiedlich. Bei der Versorgung gebe es weiterhin „ein starkes Stadt-Land-Gefälle“ sagte Barmer-Vorstandschef Christoph Straub. Und gut neun Prozent der Patienten müssten immer noch länger als drei Monate warten, bis sie mit einer Therapie beginnen könnten. Bei 34 Prozent, also jedem Dritten, sei es mehr als ein Monat. 

Die Engpässe haben mehrere Gründe. So ist die Zahl der psychologischen Psychotherapeuten in neun Jahren um satte 53 Prozent auf 21.000 gestiegen. Doch gleichzeitig hat die Nachfrage drastisch zugenommen. Suchten im Jahr 2009 noch 2,8 Prozent der Bevölkerung psychotherapeutische Hilfe, waren es 2018 bereits 3,9 Prozent. Das entspricht 3,22 Millionen Menschen, der Zuwachs betrug 41 Prozent. Gleichzeitig reduzieren die psychologischen Psychotherapeuten zunehmend ihre Arbeitszeiten. Arbeiteten 2013 noch 89 Prozent in Vollzeit, waren es im Jahr 2018 nur noch 73 Prozent.

Bisher fast nur Einzelbehandlungen 

Um den „Ressourcen-Engpass“ zu bewältigen, schlug der Barmer-Chef vor, den Patienten häufiger Gruppentherapien anzubieten, wenn dies medizinisch sinnvoll sei. Derzeit seien 94,4 Prozent aller Behandlungen Einzeltherapien. Das könne nicht im Sinne derer sein, die dringend auf Therapieplätze warteten, sagte Straub 

Bei den Therapeuten gebe es zwar Bedenken gegen Gruppentherapien, die als anstrengender empfunden würden, mehr Logistik erforderten und nicht für jeden Patienten in Frage kämen. Allerdings könnten psychisch Kranke in der Gruppe gemeinsam nach Lösungen suchen und sich gegenseitig stützen. Gerade die Verhaltenstherapie, die dem Report zufolge inzwischen mehr als 52 Prozent aller begonnenen Psychotherapien ausmacht, biete sich dafür an, betonte die leitende Medizinerin der Barmer, Ursula Marschall. Schließlich seien darin viele übende Elemente enthalten.

Grüne: Gruppentherapien sind "kein Allheilmittel"

Die Bundespsychotherapeutenkammer nannte einen Ausbau der ambulanten gruppenpsychotherapeutischen Angebote ebenfalls „wünschenswert“. Jedoch verfügten die meisten Praxen weder über passende Räume noch über die nötige Anzahl geeigneter Patienten, so Präsident Dietrich Munz. Dazu komme der bürokratische Aufwand. „Wir fordern, die Voraussetzungen für die regionale Vernetzung zu schaffen, damit es mehr Schwerpunktpraxen mit Gruppenangeboten gibt, die ein breites Spektrum an verschiedenen Gruppen für unterschiedliche psychische Erkrankungen anbieten können.“

Gruppentherapien würden bislang noch wenig eingesetzt, findet auch die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung. Dabei habe diese Behandlungsform „für bestimmte Erkrankungen Vorteile, etwa bei Störungen des zwischenmenschlichen Beziehungsverhaltens“, so deren Bundesvorsitzender Gebhard Hentschel. Mehr Gruppentherapien seien „für viele Patienten sicherlich sinnvoll“, sie seien aber „kein Allheilmittel“, betonte die Fraktionsexpertin der Grünen, Maria Klein-Schmeink. „Für eine bedarfsgerechte Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und um stationäre Aufenthalte zu vermeiden, brauchen wir vor allem ausreichend ambulante Therapieplätze ohne lange Wartezeiten durch mehr Kassenzulassungen von Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie mehr Angebote der ambulanten Krisenintervention.“

Experte nennt regionale Versorgungsunterschiede gravierend

Ein Problem bei der Versorgung ist die nach wie vor höchst unterschiedliche regionale Verteilung des Angebots. Die Studie belegt das detailgenau. So ist der Anteil der Bevölkerung mit Kontakt zu Psychotherapeuten in den Stadtstaaten mit Abstand am höchsten.

An der Spitze liegt Berlin mit einer Quote von 5,1 Prozent, gefolgt von Bremen mit 5 und Hamburg mit 4,7 Prozent. Bei den Flächenländern rangieren Hessen (4,6) und Nordrhein-Westfalen (4,3) vorne. Am wenigsten Kontakt zu Psychotherapeuten haben die Bewohner Ostdeutschlands. Ganz hinten liegt hier Sachsen-Anhalt mit einer Quote von 2,7 Prozent. In Brandenburg beträgt sie 2,9 und in Mecklenburg-Vorpommern knapp 3 Prozent. Der bundesweite Schnitt liegt bei 3,9 Prozent. 

Heidelberg und Freiburg sind die Therapeuten-Hochburgen

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Psychotherapeuten-Dichte. Auch hier liegt Berlin an der Spitze, mit 72,4 Therapeuten pro 100.000 Einwohner. Es folgen Hamburg (70,8), Bremen (66,1) und Hessen (53,5). Das Schlusslicht bilden Sachsen-Anhalt (22,8), Brandenburg (24,4) und Thüringen (24,6). Mehr als 100 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner gibt es der Studie zufolge in sieben Kreisen beziehungsweise kreisfreien Städten: Heidelberg (184), Freiburg/Breisgau (165), Offenbach/Main (122), Bonn (120), Kassel (117), Münster (114) und Darmstadt (104).

Die regionalen Unterschiede seien „gravierend“, hätten aber in den vergangenen Jahren abgenommen, betonte Joachim Szecsenyi, Professor beim Göttinger Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen. So legte die Zahl der Bürger mit Psychotherapeuten-Kontakt beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern seit 2009 um 108 Prozent zu. Den zweithöchsten Zuwachs verzeichnete Sachsen-Anhalt mit 80,5 Prozent. Auch bei der Psychotherapeuten-Dichte verbuchten die Ost-Länder die stärkste Steigerung. In Mecklenburg-Vorpommern erhöhte sich die Zahl der Anbieter seit 2013 um 84,1 Prozent, in Sachsen-Anhalt um 59,3 und in Brandenburg um 56,7 Prozent. 

Für die unterschiedliche Versorgungsdichte gebe es „keine fachliche Begründung“, betonte Kammerpräsident Munz. „Menschen sind auf dem Land nicht seltener psychisch krank als Menschen in Städten.“ 

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