Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Die Lage in Venezuela, der Protest von Lungenärzten und die Fusion zwei deutscher Banken: Antworten auf vier Fragen des Tages. 

Unterstützer von Nicolas Maduro demonstrieren in Venezuelas Hauptstadt Caracas.
Unterstützer von Nicolas Maduro demonstrieren in Venezuelas Hauptstadt Caracas.Foto: Luis ROBAYO/AFP

Venezuela hat plötzlich zwei Präsidenten – ein Zukunftsmodell für gespaltene Gesellschaften?

Zwei Staatschefs sind ein Anlass zum Bürgerkrieg – siehe Abraham Lincoln und Robert E. Lee im amerikanischen Gemetzel 1861-65. Die Armee hat sich auf die Seite des Diktators Maduro gestellt, die erste Runde geht an ihn. Für ihn sind auch die üblichen Verdächtigen wie Russland und China. Gegen ihn: USA, Kanada, die lateinamerikanischen Demokratien. Berlin positioniert sich wie so oft außen vor. Man wolle nicht, so Außenminister Maas, „dass die Lage weiter eskaliert“. Was wäre denn so schrecklich daran, die Horrorgestalten zu warnen und sich mit den Freiheitskämpfern zu solidarisieren? Das hat der Chef des EU-Rats Tusk getan,

In Deutschland protestieren Lungenärzte gegen die NO2-Werte der EU. Sind sie etwa Handlanger der Autoindustrie?

Wer sich in die absonderliche Geschichte des Grenzwerts vertieft, wird nicht bloß abschreiben, was durch die Medien geistert. Die Kurzversion: Es gibt keine eindeutigen Daten, die das 40-Mikrogramm-Limit stützen. Das wäre auch ein Wunder, wenn so viele Faktoren bei Lungenkrankheiten mitwirken. Die Lungenärzte an der Front sind bessere Zeugen als widersprüchliche statistische Hochrechnungen. Die US-Umweltbehörde hat abermals 100 Mikrogramm festgesetzt, die Briten konnten sich 2018 nicht einmal einigen, ob NO2 die Sterblichkeit beeinflusse. Die Angst vor dem Unsichtbaren ist nicht immer der beste Ratgeber.

Deutsche Bank und Commerzbank könnten bald fusionieren – Global Player oder eher ewiger Patient?

Berlin übt Druck aus auf beide, weil Deutschland eine globale Bank brauche. Das ist politisch, nicht ökonomisch gedacht. Beide Banken gingen siechend in die Ehe und wären hinterher doch zu klein, um in der ersten Liga mitzuspielen. Überdies muss die Deutsche Bank die Ermittler loswerden, die schmutzigen Geldgeschäften nachstöbern. Historisch gesehen haben deutsche Bankenfusionen selten den Reichtum der Aktionäre gemehrt. Olaf Scholz müsste sehr viel Geld in die Hand nehmen. Aber wer weiß? Der Lahme kann den Blinden führen, und der den Hinkenden Huckepack nehmen. So kämen beide ins Ziel, aber nicht an der Spitze.

Ein letztes Wort zu Davos…

Davos wird es immer geben, weil es ein so geniales Geschäftsmodell ist. Big Business zahlt Hunderttausende, um Großpolitikern und Geistesgrößen zu lauschen, die es für lau tun. Die ehrgeizigen jungen Leute in den Helferbrigaden werden mit Dabeisein belohnt. Die Mediengrößen, die nichts zahlen müssen, bleiben zahm, weil sie wieder eingeladen werden wollen. Kritische Berichte sind so selten wie heiße Debatten. Ärgerlich ist nur der abendliche Limousinen-Stau auf der Hauptstraße.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: Til Knipper

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