Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Einen Mutanfall bekommen, Macron beim Einknicken zusehen und einen lebenden Toten betrauern: Antworten des Kolumnisten auf die Fragen des Tages.

Josef Joffe
In Frankreich protestieren die Gewerkschaften gegen die Pläne des Präsidenten Emmanuel Macron.
In Frankreich protestieren die Gewerkschaften gegen die Pläne des Präsidenten Emmanuel Macron.Foto: imago images/IP3press

Der Tiergarten-Mord wird zum deutsch- russischen Politskandal, worauf die Bundesregierung bisher sehr abwartend reagiert. Richtig so?

Immerhin hat sie zwei Russen schneller ausgewiesen als so manchen Clan-Chef. Allerdings kommentiert die „SZ“ den Mutanfall „als deutsche Krisenvermeidungstaktik. Was rasch entschieden wird, ist auch schnell vom Tisch.“ Also fliegen zwei deutsche Diplomaten raus. Dann soll’s auch gut sein. Für Putin überwiegt der Gewinn der bösen Tat. Rachemorde stärken seinen Ruf als gewaltbereiten Potentaten, dem Anstand und Recht egal sind. So signalisiert er Regime-Feinden, dass sie nirgendwo sicher sind und zeigt dem Westen, dass er sich durch Gebote bürgerlicher Moral nicht zähmen lässt. Also bleibt brav. Al Pacino hat’s im „Paten“ vorgemacht.

Die Franzosen mischen ihr Land auf, weil einige von ihnen nicht länger mit 56 Jahren in Rente gehen dürfen. Pardon? Wo ist das Problem?

Für Zugführer gilt „Feierabend forever“ schon mit 50. Das eigentliche Problem ist, dass Frankreich 14 Prozent des BIP für Renten ausgibt; im Westen beträgt der Durchschnitt acht. Aber Macron will nicht einmal den Anteil reduzieren, auch nicht das niedrige Eintrittsalter von 62. Er will aus 42 Rentensystemen eines machen, das transparenter und fairer ist, dazu heilige Kühe wie Rente mit 50 schlachten. Nur glaubt jeder, dass es ihm an den Kragen geht, und deshalb toben die gut organisierten Gewerkschaften. Die sind gefährlicher als die Gelbwesten. Und zwei Drittel der Befragten versagen der einstigen Lichtgestalt Macron die Gefolgschaft. Er wird einknicken.

Macron hat Trump als Nato-Quäler abgelöst. Warum der Windmühlenritt des einen gegen 28?

Die klassische Antwort liefert Shakespeares Heinrich IV.: „Beschäft’ge stets die schwindlichten Gemüter mit fremden Zwist.“ Daheim ist der Präsident zutiefst unbeliebt. Aber wer wie der Kaiser von Europa auftritt, wähnt, an die „Gloire“ der Nation appellieren zu können, etwa: „Ich kenne keine Streik-Hammel mehr, sondern nur Franzosen.“ Das hat bei Wilhelm Zwo noch gewirkt. Heute regiert der Gruppenegoismus. Die Außenpolitik rettet den Herrscher nicht, wenn das Eigeninteresse überwiegt.

Ein letztes Wort zum SPD-Parteitag….

Was soll man über einen lebenden Toten noch sagen, außer, dass auch WmdW mal die Partei gewählt hat? Wir wollen hier nicht Brandt-Schmidt- Schröder sentimentalisieren. Selbst der dröge Erich Ollenhauer, der 1953 und 1957 vergeblich gegen Adenauer antrat, hatte mehr Charisma als das neue Führungsduo. Der „Scholzomat“ auch. Die SPD ist freilich nicht allein. So viele Soz-Dem-Parteien sind nach hundert Jahren am Ende ihrer ruhmreichen Geschichte angelangt.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Die Fragen stellte Ariane Bemmer

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