Vom Pfarrer missbraucht : Das Gefühl, an einer Mauer des Misstrauens abzuprallen

Verena Krüger* wurde als Kind von einem Pfarrer vergewaltigt. Erst als erwachsene Frau wagt sie, darüber zu sprechen. Von der Kirche erwartet sie nicht viel.

Verena Krüger* erzählt ihre Geschichte. Sie wurde als Kind einem Pfarrer missbraucht.
Verena Krüger* erzählt ihre Geschichte. Sie wurde als Kind einem Pfarrer missbraucht.Foto: Nicolas Armer/dpa

Sie trug ein weißes Kleid. Sie hatte Blumen im Haar. Sie stand in der Sakristei der Kirche. Sie bereitete sich auf die Erstkommunion vor, die Generalprobe war gerade vorbei. Sie war acht Jahre alt. Aber sie stand nicht allein, neben ihr war der Mann, der sie auf die Erstkommunion vorbereitete. Der Mann, der sie jetzt in der Sakristei vergewaltigte.

So erzählt es Verena Krüger*. Die Journalistin hat Jahrzehnte gebraucht, bis sie darüber reden konnte. Sie war längst eine erwachsene Frau, als sie den Pfarrer bei der Missbrauchskommission der Diözese Rottenburg-Stuttgart anzeigte. Die Gemeinde, in der er arbeitete, liegt in der Nähe von Stuttgart.

Juristisch wurde der Vorfall nie untersucht, längst war alles verjährt, inzwischen ist der Pfarrer tot. 2011 erhielt Verena Krüger 8000 Euro von der Kirche, eine Entschädigung für das Leid, allerdings keine Anerkennung der Schuld des Pfarrers. Die Kirche signalisiert damit nur: Wir halten Deine Geschichte für plausibel.

Verena Krüger sagt, in ihrer früheren Gemeinde werde sie von einigen Menschen als Lügnerin dargestellt, der Pfarrer war beliebt, man traue ihm so etwas nicht zu. Doch in seinem Nachlass soll kinderpornografisches Material gefunden worden sein. So, sagt Verena Krüger, habe man es ihr erzählt.

Die Journalistin ist jetzt 54, sie hat immer noch das Gefühl, an Mauern zu stoßen, abzuprallen an Misstrauen, Desinteresse, falsch verstandener Loyalität zur Kirche. Und die Bischofskonferenz im Vatikan, das befürchtet sie, wird diese Mauern nicht viel durchlässiger machen.

„Ich möchte keinen Täter mehr in seelsorgerischen Ämtern sehen“

„Ich möchte keinen Täter mehr in seelsorgerischen Ämtern sehen“, sagt sie. Eine klare Forderung, ergänzt durch einen Seufzer: „Aber so weit sind wir noch lange nicht.“ Und sie möchte auch, „dass nach weiteren Opfern gesucht wird, wenn man weiß, dass es irgendwo bereits Opfer gab“. Sie hat ja selber eine halbe Ewigkeit geschwiegen. Sie weiß, wie sehr Opfer einen Impuls brauchen, um zu reden, ein Gefühl, gehört und anerkannt zu werden.

Und sie erwarte, „dass endlich Verantwortliche benannt werden und sichtbar wird, dass da jemand zur Verantwortung gezogen wird“. Es geht um eine umfassende Aufklärung. „Man muss doch auch mit den Leuten umgehen, die von Tätern getauft und getraut wurden. Das ist doch spiritueller Missbrauch an solchen Menschen.“ Aber umfassende Aufklärung? „Ich würde mich wundern, wenn es so kommen würde.“

Mögen andere Papst Franziskus als Hoffnungsträger sehen, Verena Krüger bleibt emotionslos. „Der Papst hat bisher beim Thema Missbrauchs-Aufklärung keine aktive Rolle gespielt.“ Die 54-Jährige hat Kontakt zu vielen Opfern. Einige von ihnen sind noch in der Kirche, aus reiner Gewohnheit. „Innerlich aber haben sie gekündigt“, sagt sie. Krüger hat ganz offiziell gekündigt. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man noch Mitglied der Kirche bleibt, wenn man so etwas wie ich erlebt hat.“ Sie ist aus der Kirche ausgetreten. Mit 21 Jahren.

*Name geändert

Die Opfer fordern Gerechtigkeit – doch die Kirche ist gespalten. Was kann die viertägige Konferenz im Vatikan zum Thema Missbrauch bewirken? Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

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