Die EU ist näher an Großbritannien als je zuvor

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Vor dem Brexit-Referendum : Warum Europa eine doppelte Illusion ist
Mit Booten werben Anhänger eines Austritts Großbritanniens aus der EU auf der Themse in London für ein entsprechendes Votum.
Mit Booten werben Anhänger eines Austritts Großbritanniens aus der EU auf der Themse in London für ein entsprechendes Votum.Foto: Niklas Halle'n/AFP

Die Illusion ist eine doppelte, denn die glühenden Europäer verteidigen längst ein Europa, das nur noch in ihren Köpfen existiert. Die Briten sind nicht mehr allein mit ihrem Unbehagen, und damit gilt nicht mehr, was lange galt, dass ein Europa ohne die Briten seinen Weg wüsste. Die Flucht nach vorn, also das „mehr“ Europa, ist auch ohne Briten nicht mehr möglich.

Es gibt heute, schrieb der ehemalige französische Außenminister Hubert Védrine erst vor ein paar Tagen in der „FAZ“, „offensichtlich keinen demokratischen Weg zu einer stärkeren Integration“. Erzwingt man sie durch technokratische Schritte, würde der Graben zwischen Elite und Volk noch tiefer, „es wüchse die Gefahr“, schreibt der sozialistische Politiker, „dass am Ende ein allgemeiner Aufstand der Völker alles umstürzt“. 33 Prozent aller Europäer würden heute bei einem Referendum für den Austritt ihres Landes aus der EU stimmen, laut einer Umfrage des britischen Umfrageinstituts Ipsos Mori, in Italien sind es sogar 48 Prozent, in Frankreich immerhin 41 Prozent.

Im Warten darauf, dass die britische Skepsis verschwindet, hat sie sich über ganz Europa ausgebreitet: Großbritannien ist in diesen Jahren größer geworden, und Europa kleiner. Den Streit um den Euro, den die Briten verloren hatten, haben sie im Nachhinein gewonnen. Der Spielraum der EU ist in der Vergangenheit nicht durch die Briten kleiner geworden, sondern durch die Fehler, vor denen die Briten stets gewarnt haben. Wenn heute dieselben Leute, die gerade erst behauptet haben, dass der Euro vernünftig sei, erklären, dass ein Verbleib Großbritanniens in der EU vernünftig ist, glaubt ihnen verständlicherweise niemand. Obwohl sie diesmal Recht haben.

Es wird über die Vergangenheit abgestimmt

Vermutlich sähen die Umfragen zum Brexit anders aus, würde Helmut Kohl die Größe aufbringen und zugeben, dass seine Herablassung gegenüber den britischen Euro-Warnungen ein Fehler war. Aber nicht einmal die nächste Generation hat offenbar die Kraft, sich von der europäischen Illusion zu lösen: In Brüssel, verkündete gerade der EU-Parlamentarier Alexander Graf Lambsdorff, schaue man dem Referendum ohne große Sorge entgegen. Dort könne man sich die EU auch ohne Großbritannien vorstellen. „Schließlich war das Land an den ersten 16 Jahren der EU gar nicht beteiligt.“

Das Referendum ist, man sollte es nicht vergessen, eine Abstimmung von Europäern über die EU. Wer ein Europa der Europäer will, kann nicht ein Projekt verfolgen, bei dem Leute abspringen, oder auch nur fast abspringen, und ihnen hinterherrufen: Wir brauchen Euch nicht. Eine von David Camerons Forderungen, als Symbolpolitik belächelt, bestand darin, dass der Satz von der Schaffung „einer immer engeren Union der Völker Europas“ für Großbritannien nicht mehr gelten sollte.

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Die Europäer hätten sich diese Forderung zu Eigen machen sollen, als Symbolpolitik: um auch den Deutschen und Niederländern und Ungarn zu zeigen, dass niemand einfach so weitermachen will. Wolfgang Schäuble ist längst so weit: „Wir könnten als Antwort auf einen Brexit nicht einfach mehr Integration fordern. Das wäre plump, viele würden zu Recht fragen, ob wir Politiker noch immer nicht verstanden haben“, sagt Schäuble im „Spiegel“ und plädiert für mehr Eigenverantwortung der Mitgliedsstaaten, „so wie es die Briten verlangen“.

Und so wird in dem britischen Referendum über die Vergangenheit abgestimmt. Damals, als die Briten sich aus dem Euro und aus Schengen heraushielten, wäre eine Scheidung sinnvoll geworden. Heute ist die EU eine andere: Sie ist desillusioniert und integrationsmüde – und damit näher an Großbritannien als je zuvor. Zu gehen, wenn man gewonnen hat, sagt der britische Historiker Niall Ferguson, ist eine falsche Strategie. Aber es geht am Donnerstag nicht um Strategie, sondern um eine Entlastung der Vergangenheit. Dass die Briten jedoch überhaupt die Frage stellen nach der Zukunft, ihrer eigenen und der der EU, zeigt, dass sie den übrigen Europäern politisch wieder voraus sind. Denn dieser Frage wird sich schon bald auch der Rest von Europa stellen müssen – dann hoffentlich ohne Illusionen.

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