Vorsorge für einen Atomunfall : Strahlenschutzamt bestellt 190 Millionen Jodtabletten

Die Behörden haben Lehren aus der Reaktorkatastrophe in Fukushima gezogen: Zum Schutz der Bevölkerung wird der Bestand an Jodtabletten vervierfacht.

Auch das belgische Atomkraftwerkt Tihange macht den deutschen Behörden Sorgen.
Auch das belgische Atomkraftwerkt Tihange macht den deutschen Behörden Sorgen.Foto: Rainer Jensen/dpa

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat 190 Millionen Jodtabletten als Vorsorge für einen Atomunfall bestellt. Damit vervierfache sich laut der Behörde der aktuelle Bestand, berichtete der WDR. Jodtabletten können bei schweren Reaktorunfällen Schilddrüsenkrebs vermeiden.

Grund für die deutliche Aufstockung der Bestände seien Lehren, die aus dem Atomunfall in Fukushima im Jahr 2011 gezogen worden seien. Deshalb habe die Strahlenschutzkommission empfohlen, deutlich mehr Jodtabletten bereit zu halten, berichtete der WDR.

Fukushima habe gezeigt, dass auch besonders katastrophale Unfälle möglich seien. Zudem sei nun klar, „dass es durchaus auch mehrtägige Freisetzungen geben kann, was dann bedeutet, dass unter Umständen die Windrichtungen wechseln und viel mehr Gebiete betroffen sind, als das nach einer eintägigen Freisetzung der Fall wäre“, zitierte der Sender den Essener Strahlenbiologen Wolfgang Müller von der Strahlenschutzkommission.

Die Nachricht kommt insofern überraschend, als Deutschland aus der Atomkraft aussteigt, Ende 2022 soll das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet werden – und mit jedem geschlossenen Akw sinkt das Risiko eines Atomunfalls. Sorgen machen den Strahlenschützern aber grenznahe Kraftwerke, etwa in Belgien, Frankreich und Tschechien. „Wenn da etwas passiert, müssen wir die deutsche Bevölkerung natürlich genauso schützen“, sagte Müller dem WDR.

Kinder sind besonders gefährdet

Nach einer Reaktorkatastrophe kann es in bestimmten Situationen ratsam sein, Jodtabletten einzunehmen. Oft wird bei solchen Unfällen radioaktives Jod freigesetzt. Um zu verhindern, dass sich dieser strahlende Stoff in der Schilddrüse einlagert, sollten dann Menschen bis 45 Jahre und Schwangere hoch dosiert Jod einnehmen.

Laut Strahlenschutzamt ist die Schilddrüse von Kindern und Jugendlichen besonders empfindlich, vor allem sie sollten im Katastrophenfall mit Jodtabletten geschützt werden. Achtung: Solche Jodtabletten können schwere Nebenwirkungen haben, also sollte man sie nur dann einnehmen, wenn der Katastrophenschutz dazu rät (hier die Hinweise der Strahlenschutzkommission als pdf).

Laut WDR zahlt der Bund für den Kauf und den Transport der 190 Millionen Tabletten 9,4 Millionen Euro netto. Für die Lagerung und die Verteilung seien die Länder zuständig. Vor zwei Jahren hatte die Stadt Aachen Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt, als Vorsorgemaßnahme für den Fall eines Unfalls im benachbarten belgischen Akw Tihange.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!