Unsere knappste Ressource ist die Zeit

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Wachstumskritiker Niko Paech : "Sehe ich aus wie ein Hippie?"

Sie glauben an einen Zusammenhang zwischen Handy-, Reise-, E-Mail-Hektik und Depressionen?

Ja. All diese handelsüblichen Konsumfetische sollen ja genutzt werden, um das Glück zu steigern. Das stößt sich aber mit unserer knappsten Ressource, die noch knapper ist als Öl, nämlich: Zeit. Der Tag hat halt nur 24 Stunden. Wir können uns inzwischen mehr Dinge leisten als wir Zeit und Aufmerksamkeit dafür haben. Das überfordert uns systematisch.

Dennoch ist die Konsumlust ungebrochen. Zuletzt wurde weltweit gekauft: 70 Millionen Autos, 300 Millionen Computer und 1,3 Milliarden Mobiltelefone im Jahr. Die Kurve zeigt stetig nach oben.

Wir konsumieren längst nicht mehr, um unser Glück zu steigern, sondern um Unglück zu vermeiden, das dann droht, wenn andere mehr vorzuweisen haben als wir selbst. Wir konsumieren nicht mehr, um Knappheit zu beseitigen, sondern um die eigene Identität zu formen. Wir konsumieren, um zu kommunizieren. Hallo, ich fahre einen Porsche Cayenne! Hallo, auf der Klappe meines Tabletcomputers ist ein angebissener Apfel! Das Bundesumweltministerium hat gezählt, dass jeder Mensch bei uns im Schnitt 10 000 Sachen besitzt. Glauben Sie im Ernst, dass die alle notwendig sind?

Kaum. Das Wirtschaftsmagazin „brand eins“ hat bei einer Architektin Inventur gemacht, sie hatte 3506 Dinge. 26 Prozent davon gebrauchte sie regelmäßig, 47 Prozent gar nie.

Ich nenne diese Krankheit Konsumverstopfung. Vor allem Kinder und Jugendliche verlieren dadurch die Fähigkeit, sich zu konzentrieren.

Sie selbst leben anders. Sie haben keinen Fernseher, kein Auto, kein Handy, Sie fliegen nicht, Sie verkneifen sich vermutlich auch das Schnitzel und…

…ich esse auch keinen Fisch, keine Eier. Ich bin ein humorloser Asket, ein Partykiller. Nein, mal im Ernst: Ich spiele Saxophon in zwei Bands, besuche häufig Konzerte, sitze gern im Wirtshaus und rede beim Bier mit Leuten. Ich amüsiere mich, dazu muss ich nicht nach Australien jetten. Mein Vater war nie dort, mein Großvater auch nicht. Was uns heute fehlt, ist die Kraft zur Genügsamkeit.

Geben Sie’s ruhig zu, Sie haben Flugangst.

Kein bisschen.

Woher wissen Sie das?

Ich bin einmal geflogen, nach Washington. Ich musste meinen Doktorvater treffen. Schauen Sie, ich rede nicht von Verzicht. Die Theorie eines bescheidenen Lebens – man nennt das in der Wissenschaft Suffizienz – führt zu einem Paradox, nämlich zur Aufwertung des Konsums. Was ich tue, tue ich lustvoll. Wir könnten doch sagen, cool ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht, also autonom ist und damit weniger erpressbar. Das Leben ist unbeschwerter ohne Fernseher, Handy, Mikrowelle, iBook. Befreien wir uns!

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