Warum die Menschen experimentieren müssen

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Wachstumskritiker Niko Paech : "Sehe ich aus wie ein Hippie?"

In Griechenland ist die Wirtschaft abgestürzt, die schönste Postwachstumsökonomie ist da, doch die Menschen verzweifeln, gehen auf die Barrikaden.

Deshalb müssen wir rechtzeitig krisenresistente Lebensstile einüben: Was uns bevorsteht, hält eine Gesellschaft am besten aus, wenn die Menschen experimentieren und Lebensstile praktizieren, die auch funktionieren, wenn alles zusammensackt.

Schon 1972 hat der Club of Rome seine berühmten „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht. Heute lässt sich feststellen: Mensch und Umwelt waren technisch innovativer und ökologisch anpassungsfähiger als prophezeit.

Anpassungsfähig? Ein Witz! Technischer Fortschritt ist ein windiges Geschäft: Wir tauschen eine kurzfristige Steigerung unserer Möglichkeiten gegen später umso schlimmere Knappheiten. Es gibt keine industrielle Produktion ohne Zerstörung. Auch Elektromobile brauchen neue Produktionsstätten, Akkus, Ladestationen, Strom, Rohstoffe.

Immerhin können Sie wieder in Rhein und Neckar schwimmen, vor Jahren hätten Sie sich dabei den Tod geholt. Ist das nichts?

Jeder saubere Fluss ist schön. Nur, wir haben das Problem verlagert. Die schmutzigen Bestandteile unseres Konsums finden sich nun in Asien und Lateinamerika. Dort möchten Sie eher nicht baden. Der Trick ist: Die Umweltschäden werden – bis zu 60 Prozent – ausgelagert, außerhalb des eigenen Landes, wie eine Schweizer Studie zeigt.

Gerade hat Renate Künast von den Grünen gefordert, dass jeder 100 bis 200 Euro bekommt, der ein energiesparendes Elektrogerät kauft und ein altes entsorgt. Greenpeace jubelt.

Das ist der falsche Weg. Wichtiger ist, wie oft und wie sparsam wir solche Geräte nutzen, und ob wir sie mit anderen teilen. Wenn ein total kaputter Kühlschrank ausrangiert werden muss, ist es klug, das aktuell beste Modell anzuschaffen. Aber etwas Funktionierendes wegzuwerfen, um eine Prämie zu kassieren, ist absurd. Die alten Geräte müssen verschrottet, Abfälle entsorgt werden, die Neuproduktion frisst Wasser, Energie, Rohstoff. Frau Künast weiß das, doch sie will gewählt werden.

Sie mögen die Grünen nicht.

Ich mag nur keine grenzenlosen Opportunisten.

Globalisierungsgegner mögen Sie auch nicht. Die sind für Sie eine „mobilitätsgierige Masse“, Sie schimpfen außerdem über eine „hoch dotierte Nachhaltigkeitsschickeria“.

Erstens schimpfe ich nicht, sondern mache mich lustig. Zweitens bin ich selbst ein Globalisierungsgegner, doch ich ziehe auch die Konsequenz. Globalisierte Lebensstile sind mit Klimaschutz nicht vereinbar. Punkt. Noch nie haben ausgerechnet Nachhaltigkeitsaktivisten so viel Kerosin verflogen und Latte Macchiato auf weltweiten Konferenzen geschlürft. Mit welchem Effekt? Bevor wir nicht in Europa einen weltweit übertragbaren Lebensstil glaubwürdig vorführen, statt nur darüber zu faseln, ist es anmaßend, Afrikanern und Chinesen erklären zu wollen, wie es geht.

Klimakonferenzen finden Sie auch problematisch, weil jedes Mal Tausende ins Flugzeug steigen.

Klimaschutz ist wie ein Osterhase: Es gibt ihn schlicht und ergreifend nicht. Bis heute sehen wir kein einziges entwickeltes Land, das Klimaschutz praktiziert, der diesen Namen verdient.

Sie würden die nächsten fünf Klimagipfel absagen?

Ja sicher!

Über Sie wird viel geschrieben. Ist es wahr, dass Sie noch ein Jackett Ihres Vaters auftragen?

Nö. Als junger Kerl trug ich einen Lodenmantel und zwei Lederjacken vom Vater, die hat ein Schneider umgenäht. Ich mochte die Sachen.

Sie verdienen gewiss mehr, als Sie verbrauchen. Haben Sie eine Grenze gezogen, wie viel Sie im Monat ausgeben?

Dass viel Geld viel Schaden anrichtet, stimmt. Aber dank Ryanair, Aldi und Elektrodiscountern können Sie heute auch mit wenig Geld viel anrichten. Mit dem CO2-Rechner des Umweltbundesamts kann jeder Bilanz ziehen. Das ist ja das Schöne: Jeder kann mit seinem 2,7-Tonnen-Budget machen, was er will. Wer fliegen will, muss eben beim Fleisch kürzer treten, weniger Wohnfläche nutzen oder den Rest an fehlenden CO2-Kontingenten bei Freunden borgen. Wer Fahrrad fährt, kann mehr Schokolade aus der Karibik und Darjeeling aus Indien genießen. Auf den Genuss meiner 2,7 Tonnen will ich jedenfalls nicht verzichten!

Mal ehrlich, kommen Sie damit aus?

Ich hatte dieses Jahr Probleme. Ich war in Österreich zu einem Vortrag, da schlossen sich noch ein paar Veranstaltungen an, zwei Tage Chiemsee, gutes Wetter. Meine Lebensgefährtin hat die Tour mitgemacht. Klar, dann gab es eben keinen weiteren Urlaub mehr. Das Budget für 2012 war mehr als ausgeschöpft. Ich liege irgendwo zwischen 4 und 5 Tonnen. Davon sind fast 2 Tonnen Bahnreisen, weil ich so viele Vorträge halte. Ich arbeite daran…

Sie sind rigoros. Gelten Sie im Bekanntenkreis als freundlicher Spinner?

Ach was, ich erfahre durchaus Anerkennung und gelte selbst nach Kriterien unserer Leistungsgesellschaft nicht als Volltrottel. Ich falle im Alltag nicht weiter auf, der reduzierte Konsum hat ja kein Antlitz. Einen nicht stattgefundenen Flug auf die Malediven sieht man nicht.

Weihnachten steht an. 2011 gaben die Deutschen 14 Milliarden Euro aus, allein 1,8 Milliarden für Spielzeug. Was gibt’s bei Ihnen an hübschen Präsenten?

Ein Buch? Etwas zu trinken oder zu essen, vielleicht Ersatzteile fürs Fahrrad? Kürzlich habe ich meiner Freundin ein gebrauchtes und repariertes Mobiltelefon geschenkt. Sie hat sich gefreut, sie denkt ähnlich wie ich.

Sie wirken richtig aufgeräumt, Herr Paech. Haben Sie Hoffnung?

Für unseren jetzigen Lebensstil gibt es keine Hoffnung, für ein anderes, genügsameres Wohlergehen der Gesellschaft durchaus. Und zum Absaufen unserer Konsumgesellschaft pfeife ich gern eine tröstende Melodie.

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