2005 - 2009: Das Notbündnis zwischen Union und SPD

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Wahl im Bundestag : Angela Merkels vierte Kanzlerschaft - Rückblick und Ausblick
Im November 2005 wurde Angela Merkel zum ersten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt.
Im November 2005 wurde Angela Merkel zum ersten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt.Foto: dpa/picture alliance / dpa

Es fing an, wie es oft verlaufen sollte in Angela Merkels politischer Karriere: Knapp geschafft ist auch gewonnen. Der Wahlabend 2005 ging ins kollektive Gedächtnis ein. Die Union war mit weitem Vorsprung in die vorgezogene Neuwahl gegangen, die Gerhard Schröder nach der SPD-Niederlage in der Herzkammer NRW durchgesetzt hatte. Aber am 18.September 2005 blieben der rote und der schwarze Balken der Hochrechnungen auf einer Höhe. Schröder lachte die Herausforderin in der Fernseh-Elefantenrunde aus: Niemals werde sie Kanzlerin.

Zwei Monate später war sie es. Ein Prozentpunkt Vorsprung reicht eben doch, auch wenn Schröder noch versuchte, sich zum gefühlten Sieger zu erklären. SPD-Chef Franz Müntefering brachte ihn davon ab und seine Partei zur großen Koalition mit der ungeliebten Partnerin.

Am Wahlabend wurde die bedächtige Moderatorin Merkel geboren

Aber auch die CDU-Chefin hatte eine Lektion gelernt: Für das radikale Reformprogramm im Steuer- und Gesundheitssystem, für das sie im Wahlkampf geworben hatte, waren die Deutschen nicht zu haben. An dem Wahlabend, an dem die CDU/CSU mit enttäuschenden 35,2 Prozent nach Hause ging, wurde die bedächtige Moderatorin Merkel geboren.

Abgesehen von der überraschenden Berlin-Flucht des designierten Super-Wirtschaftsministers Edmund Stoiber, die ihn dann auch den CSU-Vorsitz kosten sollte, lief die erste Regierung Merkel in ruhigen Bahnen an. Union und SPD gewöhnten sich aneinander, der Rest der Welt gewöhnte sich an die Frau an der Spitze des wichtigsten europäischen Landes, die ein Treffen wie den G-7-Gipfel in Heiligendamm clever managte.

Im Herbst 2008 war es mit der Ruhe schlagartig vorbei. Am 8. Oktober traten die Kanzlerin und ihr Finanzminister Peer Steinbrück vor das Fernsehpublikum und gaben eine Garantie für die deutschen Sparer ab. Kaum ein Zuschauer ahnte, was hinter dem Auftritt steckte: Die Regierung hatte akute Warnsignale dafür, dass Sparer massenweise ihr Geld von den krisengeschüttelten Banken abheben könnten.

Wie handhabt man eine Weltfinanzkrise?

Das hätte den Todesstoß für das wankende Finanzsystem bedeuten können. Aber der Trick funktionierte. Erst viel später gaben Regierungsvertreter zu, dass der Staat die Garantie nie hätte einlösen können. Auch andere Schritte zur Stabilisierung des Finanz- und Bankensystems zeigten Wirkung, nicht zuletzt das Konjunkturpaket per Abwrackprämie. Merkel aber zog wieder zwei wichtige Lehren. Erstens: Wenn es ernst wird, ist alle Theorie nutzlos und auf „Experten“ kein Verlass mehr – die sonst so interviewfreudige Wirtschaftswissenschaft war in kleinlautes Schweigen verfallen, als sie der Regierung raten sollte, wie man eine Weltfinanzkrise handhabt.

Und zweitens: Regieren ist permanente Krisenreaktion. Die Erkenntnis fand nur ein Jahr später gleich die nächste Bestätigung. Der Autobauer Opel rutschte in die Krise. Die Regierung sprang mit Bürgschaften ein, um den Standort Rüsselsheim zu retten.

Nach vier Jahren und zunehmenden Nickeligkeiten ging die große Koalition auseinander im Gefühl, eine Ausnahme gewesen zu sein. Die SPD zog mit ihrem Umfrageliebling in die Wahl: Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

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