• Was die SPD von Frankreich lernen kann: Wer eine Revolution ankündigt, muss sie auch anfangen!

Was die SPD von Frankreich lernen kann : Wer eine Revolution ankündigt, muss sie auch anfangen!

Ich hatte schon Vorräte eingekauft, so konkret war die Aussicht auf Regierungskrise und Chaos. Aber dann.... Frankreich flippt derweil aus. Wegen was? Auch egal. Eine Kolumne.

Hand in Hand! Bei der SPD ist nach vielen kämpferischen Parolen der Hang zur Einigkeit wieder spürbar.
Hand in Hand! Bei der SPD ist nach vielen kämpferischen Parolen der Hang zur Einigkeit wieder spürbar.Foto: REUTERS

Was ist passiert? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Schon seit einer Woche hortete ich Konserven, um der Belagerung standhalten zu können. Revolution! gellten die Rufe durchs Land. Das Ende einer Ära! Das Ende der Groko! Das Ende Deutschlands, wie wir es kennen! Die SPD hatte gerade eine Frau und einen Mann mit radikalen Ideen zu ihren Parteivorsitzenden gewählt. Sie wollten alles über den Haufen werfen, neu verhandeln. Sie dachten sogar ernsthaft darüber nach, so munkelte man, die Regierungsbeteiligung aufzukündigen. Das Chaos drohte. Ich zitterte vor Angst.

Und eine Woche später? Das neue Tandem ist nicht wiederzuerkennen. Nur keine Unruhe! Es ruft dazu auf, in der Groko zu bleiben, möchte keine Forderungen stellen, sondern sucht den Dialog. Sogar der junge Robin Hood der Sozialdemokratie rudert zurück und warnt vor einem voreiligen Ausstieg. „Entscheidungen müssen vom Ende her durchgedacht werden“, sagt Kevin Kühnert, als hätte er gerade Valium geschluckt. Genau!

Man meckert lieber als zu handeln

Das Grollen der Revolution ist abgeebbt. Rückkehr zum einlullenden „Basso continuo“ der Unzufriedenheit made in Germany. Man beschwert sich morgens beim Bäcker, man beschwert sich mittags in der Kantine, man beschwert sich abends unter Freunden, und man beschwert sich, soviel ist sicher, an diesem Wochenende beim SPD-Parteitag in Berlin. Das Magengeschwür ist programmiert. Hätte ich für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans gestimmt, wäre ich heute ziemlich wütend. Aber vor allem würde ich voller Neid nach Frankreich blicken.

Bei uns hält man wenigstens Wort. Mehr als 800 000 Unzufriedene sind am Donnerstag in mehr als 70 Städten auf die Straße gegangen. Eisenbahner, Metrofahrer, Air- France-Piloten, Ärzte, Physiotherapeuten, Pflegepersonal, Feuerwehrleute, Müllleute, Studenten und Professoren, Rechtsanwälte, Postangestellte, ob aus dem öffentlichen Dienst oder dem privaten Sektor: alle gemeinsam auf der Straße. Sogar der Eiffelturm blieb geschlossen. Alle protestieren gegen eine Rentenreform, dessen Inhalt die Regierung von Emmanuel Macron nicht einmal offengelegt hat.

Ich rate zur englischen Lösung

Streik als Prophylaxe, wie beim Zahnarzt: Zahnreinigung zur Vermeidung von Karies. Mauer statt Reform. Lahmlegung. Schwarzer Donnerstag. Und den Freitag gleich dazu. Und es könnte am Montag und danach auch noch weitergehen. Das Ende einer Ära wird heraufbeschworen. Das Ende des Frankreichs, wie wir es kennen. Und all das, weil Macron den 42 unterschiedlichen Formen der Altersversorgung zugunsten einer Vereinfachung des Systems ein Ende bereiten will. Zumindest behauptet er das. In Frankreich ist man misstrauisch. Man empört sich aus Prinzip erst einmal und schaut dann, was passiert. Ein wenig wie Kevin Kühnert.

Um aus der Bredouille wieder herauszukommen rate ich beiden Ländern zur englischen Lösung. Kinostar Hugh Grant geht von Haustür zu Haustür, um die Leute davon abzuhalten, für Boris Johnson zu stimmen. Angeblich folgen die Frauen seiner Empfehlung. Würde ich auch! Stellen Sie sich nur mal vor, Laetitia Casta und Jean Dujardin würden sich vor die Demonstrationszüge stellen und die Unzufriedenen auffordern, nach Hause zu gehen. Sofortiger sozialer Frieden. Ich überlasse es Ihnen, das ideale Paar zu benennen, das heute auf dem Parteitag der SPD die Gemüter beruhigen könnte. Manchmal ist Politik ganz einfach.
Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

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