Politik : Was uns das Münsterland lehrt

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Überhaupt, die Wege und Irrwege der Erotik. In der aktuellen Debatte über das Kinderkriegen und Kinderwünschen werden sie selten erwähnt, obwohl sie damit doch mindestens ebenso viel tun haben wie Zeit und Geld und Krippenplätze. Manch gequälter Familienpolitiker mag schon auf die Idee gekommen sein, dass es nur eines gigantischen Stromausfalls bedürfte, um die notleidenden Geburtenzahlen zumindest vorübergehend wieder ins Lot zu bringen. Denn im kollektiven Gedächtnis des Okzidents kreist ja die Zwangsvorstellung, plötzlich eintretende Dunkelheit in Verbindung mit fortschreitender Kälte rege erotische Impulse und damit das Zeugen von Kindern an.

Was immer da einmal gewesen sein mag – es ist nicht mehr da. Jedenfalls ergab das die letzte Geburtenstatistik des Münsterlands, das bekanntlich Ende 2005 nach riesigen Schneefällen tagelang ohne Strom war. Nun heißt es, in den am meisten betroffenen Kreisen Borken und Steinfurt lägen die Geburtenzahlen für den Zeitraum neun Monate danach sogar geringfügig unter jenen des Vorjahres.

Um diesen Effekt exakt zu interpretieren, müsste man die spezifischen Eigenheiten der Borkener und Steinfurter kennen. Möglicherweise sind sie besonders schreckhaft, wenn es dunkel wird, und interpretieren den Stromausfall als göttlichen Fingerzeig, fürderhin ein keusches Leben ohne Versuchung des Fleisches zu führen. Oder sie denken sofort an den Weltuntergang: „Schatz, was ist los, hast du Kopfschmerzen?“ „Nein, ich habe Angst vor der Klimakatastrophe.“ Das wird dann natürlich nie was.

Doch vermutlich gilt derlei auch außerhalb des Münsterlandes. Denn wenn heutzutage plötzlich das Licht ausgeht, können wir nicht einfach kuscheln gehen, wie es die Hormone möglicherweise gern hätten. Wir müssen vielmehr die Konsequenzen dieser Katastrophe einzudämmen versuchen. Die Hühnerschenkel tauen in der Kühltruhe, die Steuererklärung hängt auf dem Computer fest, die Telefone müssen in tot, schlecht geladen und voll funktionsfähig sortiert werden, die Kaffeemaschine steht schwarz und schweiget. Keine Musik, auch das noch.

Überhaupt sind Mann und Frau in der Sexualmoderne nicht mehr gewohnt, im Dunkeln zueinanderzufinden. Wer es trotzdem versucht, der kracht vermutlich mit dem Kopf gegen die Granitplatte der postmodernen Schrankwand. Und dann ist an Nachwuchs erst recht nicht mehr zu denken.

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