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Weltweites Rennen um Corona-Impfstoff : „World First“ statt „America First“

US-Präsident Trump nährt Befürchtungen, dass die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs zum nationalen Wettlauf wird. Doch auch US-Forscher wollen Kooperation.

US-Präsident Donald Trump bei einem virtuellen Townhall-Meeting am Sonntag.
US-Präsident Donald Trump bei einem virtuellen Townhall-Meeting am Sonntag.Foto: imago images/ZUMA Wire

US-Präsident Donald Trump war nicht dabei. Als am Montagnachmittag eine von der EU-Kommission organisierte Geberkonferenz im Internet begann, gab es Reden von der Brüsseler Behördenchefin Ursula von der Leyen, Kanzlerin Angela Merkel (CDU), dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und UN-Generalsekretär Antonio Guterres. Das Ziel der EU-Kommission besteht darin, weltweit Zusagen für 7,5 Milliarden Euro zur Entwicklung eines Corona-Impfstoffs sowie von Medikamenten und Tests zusammenzubringen. Doch Trump zog es vor, die amerikanische Öffentlichkeit auf einer anderen Bühne anzusprechen.

Noch bevor von der Leyen die Video-Geberkonferenz in Brüssel eröffnet hatte, wandte sich der US-Präsident in einem virtuellen Townhall-Meeting, das vom Sender „Fox News“ übertragen wurde, an seine Wähler. Auch wenn Forscher den Optimismus Trumps nicht unbedingt teilen, erklärte der US-Präsident bei dieser Gelegenheit, er sei „sehr zuversichtlich“, dass bis zum Ende dieses Jahres ein Impfstoff entwickelt werden könne. Gesundheitsexperten gehen hingegen von einer Entwicklungszeit von zwölf bis 18 Monaten aus.

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Nach den Worten von Trump seien einige Pharmafirmen „dicht dran“ an der Fertigung eines Impfstoffs. Dabei erwähnte der US-Präsident namentlich den US-Pharmakonzern „Johnson & Johnson“, dessen Hauptsitz im Bundesstaat New Jersey liegt.

Europaabgeordneter Ehler: US-Forschungszentrum will Kooperation mit Europäern

Trump nährte damit Befürchtungen angesichts eines möglichen nationalen Wettlaufs zur Entwicklung eines Impfstoffs. Der CDU-Europaabgeordnete Christian Ehler sagte, dass die Initiative der EU-Kommission darauf abziele, „dem von Präsident Trump entzündeten Konflikt zwischen den USA und China entgegenzuwirken“ und zu einer multilateralen Koordinierung zu kommen. Dies sei letztlich auch im Sinne der USA: Trotz der Rhetorik Trumps habe das US-Forschungszentrum „National Institute of Health“, das an der Entwicklung eines Impfstoffs arbeitet, durchaus ein „großes strategisches Interesse“ daran, mit den Europäern zusammenzuarbeiten, sagte der Koordinator im Forschungsausschuss des EU-Parlaments dem Tagesspiegel weiter.

Von der Leyen mahnte zum Auftakt der Geberkonferenz eine Bündelung der finanziellen Ressourcen bei der  Entwicklung eines Impfstoffs und von Testmethoden an. „Die Pandemie betrifft jedes einzelne Land weltweit“, sagte sie. Sie kündigte an, dass die EU-Kommission eine Milliarde Euro für die Corona-Krisenreaktion bereitstellen werde.

Deutschland will 525 Millionen Euro bereitstellen

Auch Kanzlerin Merkel erklärte, dass die Pandemie eine „globale Herausforderung“ darstelle und daher auch nur auf weltweiter Ebene besiegt werden könne. Bei der Entwicklung flächendeckender Tests seien Partnerschaften mit Ländern in Afrika und anderen Regionen der Welt nötig. Deutschland werde sich bei der Geberkonferenz mit 525 Millionen Euro beteiligen, kündigte Merkel an.

Frankreichs Staatschef Macron erinnerte daran, dass sich die G-20-Staaten – zu denen auch die USA gehören -  zu einem  solidarischen Vorgehen verpflichtet hätten. „Bei Covid 19 wäre es ein großer Fehler, wenn jeder nur an sich denken würde“, sagte er mit Blick auf einen möglichen Alleingang Trumps. Sobald ein Impfstoff gefunden sei,  müsse dieser „ein weltweites öffentliches Gut sein“. Macron kündigte die Bereitstellung von 500 Millionen Euro im Zuge der Geberkonferenz an. Als die Videoschalte am frühen Abend beendet war, hatten Staats- und Regierungschefs aus aller Welt insgesamt 7,4 Milliarden Euro zugesagt.

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EU-Ratschef Charles Michel mahnte, dass bei der Entwicklung von Tests und Impfstoffen vor allem Solidarität mit den Ländern in Afrika geboten sei. Weltweit sollten die Labore In den nächsten Monaten zusammenarbeiten, forderte er. Es sei entscheidend, für  „jeden, überall und zu erschwinglichen Preisen“ entsprechende Impf-Präparate zur Verfügung zu stellen, so Michel.

Auch der britische Premier Johnson tritt bei der Geberkonferenz auf

Auch der inzwischen wieder von einer Corona-Erkrankung genesene britische Regierungschef Boris Johnson wandte sich bei der Geberkonferenz an die Öffentlichkeit. Die Entwicklung eines Impfstoffs sei „kein Wettbewerb zwischen den Ländern“, mahnte er. Die britische Regierung hatte zuvor einen Beitrag von umgerechnet 442 Millionen Euro zugesagt. Nach Italien weist Großbritannien mit knapp 28.500 in Europa die höchste Zahl an Corona-Toten auf. Wie Andrea Ammon, die Chefin des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC), am Montag erläuterte, gehört Großbritannien zu jenen europäischen Ländern, die den Höhepunkt der Pandemie noch nicht erreicht haben.

Während in der Mehrzahl der europäischen Länder die Zahl der täglichen Neuinfektionen sinke, habe sich in den vergangenen zwei Wochen die Geschwindigkeit bei der Ausbreitung des Virus in Großbritannien, Polen, Rumänien und Schweden nicht verändert, so Ammon. In Bulgarien steige die Zahl der Neuinfektionen sogar an, sagte sie.

 

 

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