Wenn Politik religiös wird : Das macht den Glauben an Trump so gefährlich

Immer weniger Menschen sind Mitglied einer Kirche. Dagegen leben viele in einer „Bubble“, die religiöse Züge hat. Doch das kann zerstörerisch sein. Ein Essay.

Eine als Weihnachtsmann verkleidete Labour-Unterstützerin hält eine Pappfigur des US-Präsidenten Trump
Eine als Weihnachtsmann verkleidete Labour-Unterstützerin hält eine Pappfigur des US-Präsidenten TrumpFoto: dpa/Owen Humphreys/PA Wire

Über den Autor: Tilman Schröter ist Volontär des Tagesspiegels. Er hat evangelische Theologie studiert.

Weihnachten ist ein Fest des Glaubens. Christen in aller Welt feiern in diesen Tagen die Geburt ihres Religionsstifters Jesus, der, glaubt man der Bibel, vor etwa 2000 Jahren in Bethlehem zur Welt gekommen ist.

Das ist zunächst keine bahnbrechende Erkenntnis. Zwar dürfte das Ereignis von Jesu Geburt bei vielen während des weihnachtlichen Kaufhaus-Kriegs und des anschließenden Gänsebraten-Rauschs eher im Hintergrund stehen. Die Weihnachts- oder Geburtsgeschichte dürfte aber auch in Zeiten, in denen viele mit der Kirche eher weniger am Hut haben, noch bekannt sein.

Auch bekannt, wenn nicht sogar prominent, sind die Personen, die in der Weihnachtsgeschichte, zumindest im Matthäus-Evangelium, auftauchen und die man im Volksgebrauch „Die Heiligen Drei Könige“ nennt. Nach der biblischen Überlieferung waren sie weder heilig noch drei noch Könige. Wörtlich steht dort, dass sie „Magier“ – Gelehrte oder Sterndeuter – aus dem Osten waren.

Sie machten sich auf einen langen Weg und folgten dabei einem Stern, der sie nach ihrer Überzeugung zum neugeborenen König der Juden führen sollte. Es war ein Weg ins Ungewisse. Sie wussten nicht, was sie unter dem Stern erwartete.

Gelehrte aus dem Morgenland benutzen ihre Wissenschaft, um am Ende vor einem Baby zu stehen, das sie als König der Juden verehren. Sie lassen sich darauf ein, auf den Glauben an das Neugeborene, das vor ihnen liegt, und beschenken es, wie es einem König gebührt, mit Gold, Weihrauch und Myrre.

Ob sie auf ihrem Weg Zweifel hatten, ist nicht überliefert. Aber mal ganz unabhängig vom historischen Wahrheitsgehalt der Erzählung: Sich ins Blaue hinein auf einen langen, gefährlichen Weg zu machen, um jemanden als König der Juden zu begrüßen, dafür braucht es schon eine wetterfeste Überzeugung, eben einen starken Glauben.

In der westlichen Welt werden die Religionsgemeinschaften kleiner

Nun ist das mit dem Glauben heutzutage ja eher kompliziert. In der westlichen Welt werden die Religionsgemeinschaften kleiner, man steht ihnen oftmals eher gleichgültig gegenüber. Die Austrittszahlen der christlichen Kirchen sind hoch, der religiöse Glaube mit seinen Ritualen spielt für immer weniger Menschen eine Rolle im Alltag.

Er scheint altbacken, autoritär und fremd geworden zu sein; etwas, das man in der Kindheit vielleicht als lästige Pflicht wahrgenommen hat, wenn man sonntags mit seinen Eltern in die Kirche musste. Sich von jemandem – zum Beispiel einem Pfarrer – etwas sagen zu lassen und demütig zu sein, scheint so gar nicht in die Welt von Instagram, Facebook und Twitter zu passen.

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Aber mit dem Rückgang von Religiosität ist keinesfalls ein Rückgang von Glauben verbunden, eher im Gegenteil. Sinngemeinschaften haben Hochkonjunktur, es gibt für alles einen Resonanzraum, eine „Blase“, in der sich diejenigen zusammenfinden, die eine bestimmte Überzeugung oder eben einen Glauben teilen.

Blickt man in die USA und auf den derzeitigen Streit um das Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump, bekommt Glaube in diesem Zusammenhang einen merkwürdigen Beigeschmack. Donald Trump ist der Anführer einer Bewegung, sein Twitter-Account wird zur Kanzel, von der herab er seine Wahrheiten für seine Anhänger verkündet.

Dabei ist es unerheblich, ob die Dinge, die er behauptet, stimmen (sie tun es oft nicht). Es zählt einzig und allein die Selbstvergewisserung der Gruppe durch ihren Anführer und jeder, der etwas dagegen sagt, ist ein Verräter, ein Außenseiter oder unamerikanisch. Nicht umsonst wird die Kernanhängerschaft Trumps als Kult bezeichnet.

Im Zeitalter der "Fake News" bestätigen echte oder erfundene Tatsachen die eigenen "letzten Prinzipien"

Das Phänomen, dass nun alles, egal ob es stimmt oder nicht, in das eigene Weltbild eingeordnet oder davon ausgeschlossen wird, findet seinen Ausdruck in dem Begriff „Fake News“. Donald Trump produziert einerseits selbst „Fake News“, indem er lügt oder Falschnachrichten verbreitet.

Andererseits bezeichnet er zutreffende Fakten (oft solche, die ihn in einem schlechten Licht erscheinen lassen) als „Fake News“ und spricht sogar verallgemeinernd von den „Fake-News-Media“. Das Faktische löst sich auf – die Glaubwürdigkeit von Medienorganisationen wird beschädigt.

„Fake News“ ist zum Kampfbegriff geworden. Eine Nachricht oder eine Aussage wird diskreditiert und als unwahr abgestempelt, auch wenn sie stimmt. Oder sie wird zur Bestätigung des eigenen Weltbildes herangezogen, selbst dann, wenn sie falsch ist. Man will es glauben. Man braucht es, weil es das bestätigt, was man sich zum letztgültigen Prinzip erkoren hat. Und das betrifft nicht nur die Trump-Anhänger, sondern viele Blasen, vor allem rechte, auf der ganzen Welt.

Was aber ist der Glaube an etwas dann eigentlich noch wert? Ist Glaube immer nur das, was mir in den Kram passt, etwas, das mich nie herausfordert? Was unterscheidet die politischen Glaubensgemeinschaften von den religiösen?

Die politischen Glaubensgemeinschaften sind klein - deshalb gibt es mehr Konflikte

Die Gesellschaft teilt sich zumeist in mehr oder weniger kleine Einheiten, ebenjene „Blasen“. Eine Begegnung mit jemandem, der einem fremd ist, der den eigenen Ansichten vielleicht sogar widerspricht oder einen gänzlich anderen Lebensstil pflegt, ist herausfordernd und anstrengend.

In diesen Momenten merkt man zweierlei. Einerseits: Es gibt Menschen auf der Welt, die eine komplett andere Auffassung von den Dingen haben als man selbst.

Und zweitens: Das Gegenüber ist genau wie man selbst davon überzeugt, an das Richtige zu glauben. Denn allen Überzeugungen, so problematisch sie auch sein mögen, ist gemein, dass man meint, durch sie ein besseres Leben, und sei es nur für die eigene kleine Gemeinschaft, erreichen zu können. Das Problem daran ist weniger, dass das so ist. Das Problem ist, dass diese Situation sich derart zugespitzt hat, dass gar keine Kommunikation außerhalb der eigenen Blase mehr möglich erscheint.

Die eigene Überzeugung ist nicht hinterfragbar

In den sozialen Medien zum Beispiel tobt ein bemerkenswerter Kampf um die Deutungshoheit. In Diskussionen geht es oft nicht um Argumente. Sie werden zu einer wilden, fast immer zornigen, oft hasserfüllten Auseinandersetzung. Es geht immer sofort ans Eingemachte, wenn man sich in seiner Weltsicht bedroht fühlt.

Das liegt an einem zentralen Element, das ganz eng mit dem Glauben verbunden ist: Die eigene Überzeugung ist nicht hinterfragbar, sie wird als letztgültig und unumstößlich wahrgenommen.

Das bedeutet: Sobald jemand die eigene Überzeugung angreift, sobald das, worauf man sich als letztgültige Quelle beruft, infrage gestellt wird, geht es einen ganz konkret und persönlich an.

Das, was man zum Endgültigen und damit quasi zum „Göttlichen“ erklärt hat, definiert so die eigene Identität. „Glaube ist das unbedingte Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht“, schrieb der Theologe Paul Tillich. Der Glaube ist immer mit einem letzten, unumstößlichen Prinzip verbunden. Man kann an die Verfassung eines Landes glauben, an die Vernunft, man kann glauben, dass es den Klimawandel nicht gibt oder dass Donald Trump die Vereinigten Staaten wieder „great“ machen wird.

„Letzte Prinzipien“ sollten inklusiv sein

Für sich genommen ist das eigentlich auch kein Problem. Wie groß oder klein ist das letztgültige Prinzip? Und welche letztgültigen Prinzipien sind legitime Glaubensgrundsätze?

Je kleiner das letztgültige Prinzip, desto enger ist auch die eigene Weltsicht und der Resonanzraum der Gemeinschaft, die den Glauben daran teilt. Das heißt auch: Je kleiner das letztgültige Prinzip, desto mehr Konflikte muss der Einzelne austragen. Denn je kleiner die Glaubensgemeinschaft ist, desto mehr Menschen sind ausgegrenzt.

Das wirkt potenziell zerstörerisch auf die Gesellschaft – dabei ist das gute Zusammenleben in großen Gemeinschaften in Zeiten von Globalisierung, wachsender Weltbevölkerung und Migrationsbewegungen unabdingbar. Die sektiererische Zersplitterung bewirkt jedoch das Gegenteil.

Es kommt schon darauf an, was man zum Höchsten erklärt

„Woran du nun, sage ich, dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“ So schreibt Martin Luther im Großen Katechismus, einer Art christlichem Lehrbuch, nur um im Anschluss zu sagen, was dazu eben nicht gehören sollte. Grob gesagt: Nicht auf Geld, Einfluss und Macht sollte man vertrauen, sondern auf Gott, so Luther.

Unabhängig davon, dass es nicht unbedingt ein Gott sein muss, den man zum letzten Prinzip erklärt, wird hier deutlich: Es kommt schon darauf an, was man zum Höchsten erklärt.

Wenn man zum letzten Prinzip beispielsweise Donald Trumps Ideologie erhoben hat, ist das, „woran man sein Herz hängt“, vergänglich. Partikularismus, Sektenbildung und Stammesdenken geben vor, Heilsversprechen zu sein. Und doch sind sie es nicht. Denn höchste Prinzipien sollten inklusiv sein, sie sollten langlebiger sein als eine Präsidentschaft – und zudem Widerspruch und Streit aushalten, besonders in einer globalen Gesellschaft, in der so viele unterschiedliche letzte Prinzipien miteinander konkurrieren.

Die Grenzen der eigenen Überzeugungen zu öffnen erfordert dabei nicht zwingend, sich zu einer bestimmten Religion zu bekennen. Trotzdem braucht es die Überzeugung, dass „die letzten Dinge“, das, woran glaubt, dazu geeignet ist, dass es Mensch und Umwelt so gut wie möglich geht. Und es braucht die Einsicht, dass diese „letzten Dinge“ mehr ist als das, was man von Politik erwarten sollte, mehr auch, als man überhaupt von einer menschlichen Ordnung erwarten kann.

Jeder Glaube, auch der politische, muss Raum für Zweifel lassen

Ein weiterer zentraler Unterschied zwischen dem politischen Glauben und den höchsten Prinzipien vieler Religionen ist der Zweifel. Besonders im protestantischen Christentum ist er ein entscheidendes Element. Die Folgen der eigenen Überzeugungen für die Gesellschaft müssen berücksichtigt werden.

Wenn das Prinzip, dem man folgt, auf Ausgrenzung angelegt ist oder dazu führt, dass gewaltsam gegen andere vorgegangen wird, muss man sich über die Konsequenzen im Klaren sein – und sowohl das letzte Prinzip als auch die daraus folgende Praxis hinterfragen. Ein reflektierter Glaube braucht Zweifel und muss sich aufs Ungewisse einlassen. Er muss die Spannung von Wunsch und Wirklichkeit, von letzten Überzeugungen und deren unvollkommener irdischer Gestalt aushalten können.

Es braucht in der Folge auch Mut, sich dieser Ungewissheit auszuliefern. Man geht eine Wette ein, lässt sich fallen. Nicht jedem ist das gegeben. „Religiös musikalisch sein“, nannte das der Soziologe Max Weber. Urvertrauen entwickeln, könnte man es auch nennen.

Die eigene Fehlbarkeit und die des eigenen Glaubens anzuerkennen hilft dabei, mit anderen in Kontakt zu treten, schafft Verständnis und Akzeptanz dafür, dass es eben auch andere letzte Prinzipien gibt, dass der eigene Glaube fehlbar ist. Das unterscheidet ihn vom politischen Glauben, von der fanatischen Gewissheit.

Die Weisen aus dem Morgenland riskierten ihren Glauben

Die Weisen aus dem Morgenland machten sich auf den Weg ins Ungewisse, als sie dem Stern folgten, nicht wissend, was sie am Ende erwarten würde. Sie riskierten ihren eigenen Glauben, setzten ihn dem Zweifel aus – denn was, wenn unter dem Stern einfach gar nichts gewesen wäre? Sie nahmen in Kauf, ihren Glauben enttäuscht zu sehen, und waren doch gewiss, als sie ankamen.

Sie fanden keinen Herrscher, keinen Hofstaat, keine Paläste. Sie fanden ein schutzloses Neugeborenes und behandelten es wie einen König. Glauben bedeutet nicht, sich dem Offensichtlichen zu verschreiben. Sondern ständig zu prüfen, woran man sein Herz hängt. Auch das ist Weihnachten.

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