Die Bundesrepublik wusste offenbar von den Versuchen

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West-Pharmafirmen ließen Medikamente in der DDR testen : Das Risiko der anderen
Frauenstation in einem DDR-Krankenhaus. Das Gesundheitswesen hatte stets mit Mangel zu kämpfen – da waren Devisen für Pharmastudien hoch willkommen.
Frauenstation in einem DDR-Krankenhaus. Das Gesundheitswesen hatte stets mit Mangel zu kämpfen – da waren Devisen für...Foto: ullstein bild

Was wussten westdeutsche Politiker von den dubiosen Pharmageschäften mit der DDR?

Die offizielle Antwort darauf lautet: nichts. In einem MDR-Interview äußerte Rita Süssmuth, 1985 bis 1988 Bundesgesundheitsministerin, ihr seien die Tests gänzlich unbekannt gewesen. Ähnlich äußert sich auf Tagesspiegel-Anfrage Dieter Großklaus, ab 1985 Präsident des für die Zulassung von Arzneimitteln zuständigen Bundesgesundheitsamts: „Offiziell habe ich nichts von Pharmastudien in der DDR gewusst. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.“ Eine damalige Mitarbeiterin der Behörde bestätigt das. Der Grund sei, dass es in den 80ern keine Registrierungspflicht für klinische Studien gegeben habe. Dennoch gibt es Indizien, die eine Mitwisserschaft des Westens nahelegen. So teilt etwa die Arzneimittelfirma Braun Melsungen mit, ihre Studien in der DDR seien „mit Einverständnis der damaligen Gesundheitsbehörden beider Länder“, das heißt, sowohl der DDR als auch der Bundesrepublik Deutschland, durchgeführt worden. Und der frühere DDR-Gesundheitsminister Jürgen Kleditzsch bestätigt, dass es inoffizielle Kontakte zu Gesundheitsministerium und Gesundheitsamt der Bundesrepublik gegeben habe. Er vermutet: „Wenn die Pharmakonzerne von West-Behörden gefragt wurden, wo sie Studien durchführen ließen, dann mussten sie sicherlich Rede und Antwort stehen.“ Dies muss allerdings nicht bedeuten, dass der Westen auch wusste, dass die Studien vor den teilnehmenden Patienten teilweise verheimlicht wurden.

Welche Reaktionen hat das Bekanntwerden der Studien ausgelöst?

Angesichts der teilweise geheimen Pharmastudien sind DDR-Experten zwar entsetzt, aber nicht überrascht. „Immer wieder kommen neue Vorgänge aus der DDR ans Licht, von denen man denkt: Das kann nicht wahr sein“, sagte Roland Jahn dem Tagesspiegel. Der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen kritisierte, die Patienten seien von den DDR-Oberen rücksichtslos zum Geldverdienen ausgenutzt worden. Er rief die Pharmakonzerne dazu auf, die Vorgänge aus den 1980er Jahren aufzuklären. Dies forderte auch die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anna Kaminsky. „Die Pharmastudien zeigen einmal mehr, wie viel Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit noch notwendig ist.“ Über die innerdeutschen Geschäftsbeziehungen zur Zeit der Teilung wisse man „noch immer erschreckend wenig“. Für sie sind die Pillentests an unwissenden Patienten nach dem Mauerbau, verschiedenen Dopingfällen und Medizinskandalen „ein weiterer Beleg dafür, dass die DDR sich angemaßt hat, rücksichtslos über das gesamte Leben ihrer Bürger zu verfügen“.

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