Die DDR profitierte finanziell von den Aufträgen

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West-Pharmafirmen ließen Medikamente in der DDR testen : Das Risiko der anderen
Frauenstation in einem DDR-Krankenhaus. Das Gesundheitswesen hatte stets mit Mangel zu kämpfen – da waren Devisen für Pharmastudien hoch willkommen.
Frauenstation in einem DDR-Krankenhaus. Das Gesundheitswesen hatte stets mit Mangel zu kämpfen – da waren Devisen für...Foto: ullstein bild

Wie viele Patienten wussten nicht, dass an ihnen West-Medikamente getestet wurden?

Wie viele Patienten nicht aufgeklärt wurden, lässt sich aus heutiger Sicht schwer sagen. Der Tagesspiegel hat insgesamt Kenntnis von sieben Betroffenen, ob dies allerdings Einzelfälle sind, ist unklar. Fakt ist, dass sich in den vorliegenden Akten des DDR-Gesundheitsministeriums keine Einverständniserklärungen der Probanden befinden, die ihre Aufklärung belegen würden. Auch in den Krankenhausarchiven und bei den Pharmafirmen sind solche Einwilligungen nach MDR-Recherchen nicht aufgetaucht. Der frühere DDR-Mediziner Jürgen Kleditzsch, in der Übergangsphase 1990 Gesundheitsminister, glaubt dennoch nicht an eine systematische Täuschung der Patienten. „Bei uns wurden die Studienteilnehmer grundsätzlich und umfassend aufgeklärt, wir haben alles besprochen und es gab schriftliche Einwilligungen“, sagt der Arzt, der von 1974 bis 1989 an der Medizinischen Akademie in Dresden tätig war. Auch als Gesundheitsminister habe er nichts von den geheimen Pillentests gewusst. „Das hätte ich sofort unterbunden.“ Auch Anfragen bei den beteiligten Pharmakonzernen bringen keine Klarheit. Unisono teilen sie mit, die Studien seien unter Einhaltung der damaligen Standards erfolgt. Diese sind klar definiert: Sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik schrieben die Arzneimittelgesetze die Aufklärung und die schriftliche Einwilligung der Teilnehmer an Medikamentenstudien vor. Wie Akten aus dem DDR-Gesundheitsministerium belegen, haben manche der westlichen Pharmaunternehmen in den Verträgen mit der DDR darauf hingewiesen, dass die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten seien. Keine Firma kann jedoch bestätigen, in den 80er Jahren Kontrolleure in die DDR entsandt zu haben, die die Einhaltung dieser Vorschriften überprüften.

Wie kam es zu den Aufträgen der westlichen Pharmakonzerne in der DDR?

Im Wesentlichen gab es zwei Gründe für die teilweise geheimen Medikamententests. Der erste: Die DDR brauchte dringend Geld. Die wirtschaftliche Lage des SED-Staats war Anfang der 1980er Jahre desolat. 1982 drohte sogar der Staatsbankrott, der nur durch einen Milliardenkredit der Bundesrepublik verhindert werden konnte. Der CSU-Politiker Franz-Josef Strauß fädelte ihn damals ein. Doch auch nach der Finanzspritze aus Westdeutschland brauchte die DDR weiterhin dringend Devisen, und mit den Aufträgen der westlichen Pharmakonzerne ließen sie sich erwirtschaften. Wie die Akten des Ministeriums für Gesundheitswesen belegen, zahlten die Pharmafirmen pro vollständig ausgefüllten Patienten-Testbogen Summen von bis zu 4000 D-Mark, für einzelne Studien flossen so bis zu 860 000 D-Mark an die DDR. Wie viel Geld der sozialistische Staat insgesamt mit den Pharma-Aufträgen aus dem Westen verdient hat, lässt sich nicht genau beziffern. Angesichts der Zahl von mindestens 165 klinischen Studien kann aber von einem höheren zweistelligen Millionenbetrag ausgegangen werden.

Doch nicht nur die DDR profitierte von den Aufträgen. Ab Anfang der 1980er Jahre – dies ist der zweite Grund für die Pillentests in der DDR – waren die in Westdeutschland operierenden Pharmakonzerne zunehmend darauf bedacht, ihre Medikamentenstudien in anderen Ländern durchzuführen. Dies lag am verschärften Arzneimittelgesetz der Bundesrepublik, das 1978 als späte Reaktion auf den Contergan-Skandal in Kraft trat. Contergan, das Beruhigungsmittel der Firma Grünenthal, hatte Anfang der 1960er Jahre dazu geführt, dass tausende Kinder mit schweren Fehlbildungen und Verkrüppelungen geboren wurden. Das neue Arzneimittelgesetz verpflichtete die Pharmafirmen ab 1978 erstmals zu umfangreichen Tests ihrer Präparate an großen Patientengruppen, bevor sie sie auf den westdeutschen Markt bringen durften. Die Suche nach bereitwilligen Probanden und Ärzten in Westdeutschland gestaltete sich allerdings schwierig. Daher schauten sich die Pharmakonzerne im Ausland nach alternativen Testmöglichkeiten um. In der finanziell klammen DDR wurden sie fündig. Im SED-Jargon nannte man das Geschäft mit den Pharmastudien „immateriellen Export“, wie der Pharmahistoriker Christoph Friedrich berichtet.

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