Update

Wie die Ukraine mit Covid-19 umgeht : Auf den Krieg folgt die Coronavirus-Gefahr

Die Ukraine will einen großen Corona-Ausbruch verhindern. Denn der würde das Gesundheitssystem überfordern – besonders im umkämpften Osten.

An der Front in der Donbass-Region wird ein ukrainischer Soldat auf Covid-19 getestet.
An der Front in der Donbass-Region wird ein ukrainischer Soldat auf Covid-19 getestet.Foto: AFP PHOTO /Ukrainian Defence Ministry press-service

16 Lastwagen des Roten Kreuzes aus Kiew erreichten zum Wochenbeginn die Ostukraine. Sie hatten Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel geladen, für die Menschen im Krisengebiet. Es gehe darum den täglichen Bedarf von fast 12.000 zumeist älteren Einwohner zu decken, teilte die Hilfsorganisation mit.

Seitdem an der Grenze zu Russland vor sechs Jahren Krieg ausbrach, sind die Menschen in der Region auf Hilfe angewiesen. In Zeiten des Coronavirus dringender denn je. Zumal die – im Westen immer mehr in Vergessenheit geratenen – Kämpfe andauern. Ein Ausbruch der Epidemie könnte hier schnell katastrophale Folgen haben. 

„Wir sind konfrontiert mit zwei sich überschneidenden außergewöhnlichen Situationen“, heißt es beim Roten Kreuz: „Dem Militärkonflikt und der Gefahr der Coronavirus-Infektion.“

Die Helfer aus der Hauptstadt verteilten Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel an medizinisches Personal entlang der Frontlinie. Und sie informierten die Einwohner über Hygienemaßnahmen, um eine Ausbreitung des Virus zu stoppen.

Kaum Corona-Tests in der Ukraine

Bislang gibt es vergleichsweise wenig Coronavirus-Fälle in der Ukraine. Am Samstagmorgen waren 311 Infektionen bestätigt und acht Todesfälle bekannt. Die niedrigen Angaben liegen wohl auch daran, dass es im Land kaum Tests auf das neuartige Virus gibt. Die Dunkelziffer könnte deutlich höher liegen.

An gewöhnlichen Tagen voller Menschen, in Zeiten von Corona verwaist: der Sophienplatz im Zentrum von Kiew.
An gewöhnlichen Tagen voller Menschen, in Zeiten von Corona verwaist: der Sophienplatz im Zentrum von Kiew.Foto: Sergei SUPINSKY /AFP

Die meisten Fälle wurden in und um Kiew registriert sowie in der Stadt Tscherniwzi, nicht weit von der Grenze zu Rumänien. Im benachbarten Gebiet Ternopil in der Westukraine riegelte die Polizei in dieser Woche sechs Dörfer komplett ab, nachdem ein 68-Jähriger an Covid-19 gestorben war.

Die Regierung in Kiew hat Grenzen, Schulen und Geschäfte geschlossen, Versammlungen verboten und Verkehrsverbindungen gestoppt, um das Virus einzudämmen. Denn ein größerer Ausbruch dürfte die medizinische Versorgung im Land rasch überfordern. Das Gesundheitssystem der Ukraine, erklärte Gesundheitsminister Ilja Jemets, sei „nicht bereit“ für die Pandemie.

Dies gilt besonders für die Krisenregion im Osten, für die Gebiete Donezk und Luhansk, aus denen bislang jeweils zwei Covid-19-Fälle bekannt ist. In den angrenzenden, von prorussischen Separatisten kontrollierten Teilen der Regionen, den selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk, soll es nach Angaben der dortigen Anführer keine Coronavirus-Fälle geben. Verlässliche Informationen liegen allerdings nicht vor. Stattdessen gibt es Berichte über Dutzende Fälle verdächtiger Lungenentzündungen in den Pseudo-Republiken.

Trotz der Gefahr durch das Coronavirus wird in der Ostukraine weiter gekämpft.
Trotz der Gefahr durch das Coronavirus wird in der Ostukraine weiter gekämpft.Foto: Anatolii STEPANOV / AFP

Der Ostukraine sollen künftig 33 Millionen Dollar aus dem in dieser Woche lancierten Nothilfe-Fonds der Vereinten Nationen zugutekommen. Nach den Worten des Ständigen Vertreters der Ukraine bei den UN, Serhi Kyslyzja, soll diese Hilfe die Menschen auf beiden Seiten der Demarkationslinie erreichen. Es gehe darum, „den am stärksten gefährdeten Ukrainern Mittel zu geben, um die Folgen des Coronavirus zu behandeln und zu minimieren“, sagte Kyslyzja.

Es müsse alles getan werden, um die Verbreitung des Virus im Osten der Ukraine zu verhindern, fordert die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Entlang der Frontlinie leben viele alte Menschen, oftmals in einer Pufferzone zwischen den verfeindeten Parteien. Die Dorfbewohner leiden unter chronischen Erkrankungen wie Diabetes, HIV, Tuberkulose, Hepatitis C oder Bluthochdruck.

Der Krieg hat die medizinische Versorgung zerstört

„Sie alle sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, sollten sie sich mit Covid-19 infizieren“, erklärt „Ärzte ohne Grenzen“ auf Tagesspiegel-Anfrage. Deshalb informieren die Helfer intensiver über Maßnahmen zur Vorbeugung, die Infektionskontrolle wurde verstärkt. Es habe, heißt es bei der Hilfsorganisation weiter, „Priorität, sicherzustellen, dass wir unsere Patienten weiterhin betreuen können“.

Ein Sanitäter desinfiziert einen Krankenwagen in der von Separatisten besetzten Großstadt Donezk.
Ein Sanitäter desinfiziert einen Krankenwagen in der von Separatisten besetzten Großstadt Donezk.Foto: Alexander Ermochenko/REUTERS

Dies ist dringend notwendig, denn während des Krieges hat die medizinische Infrastruktur stark gelitten – mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung, auch ohne Coronavirus-Gefahr.

Nach Angaben Vereinten Nationen sind 3,4 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. Mehr als die Hälfte aller Haushalte in der Pufferzone hat keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Selbst weiter im Landesinneren haben viele Schwierigkeiten, an adäquate Hilfe zu gelangen.

Forscher von drei amerikanischen Universitäten haben in einer Studie Kriegsschäden der Jahre 2014 bis 2017 im Donbass analysiert: „Mehr als ein Drittel der Krankenhäuser und Kliniken sind beschädigt oder zerstört worden“, schreiben sie. Nach UN-Angaben sollen gar 70 Prozent aller medizinischen Gerätschaften außer Betrieb sein.

In den Kliniken herrscht großer Mangel

Krankenhäuser, Polikliniken und Apotheken wurden aufgegeben oder sind in einem schlechten Zustand. Die Ausrüstung ist oft veraltet, es fehlt an Medikamenten. Viele Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger haben die Gegend verlassen. Die verbliebenen Mitarbeiter sind oft überlastet, nicht selten mangelt es an Fachkenntnissen und Erfahrung.

Helfer der Kiewer Hilfsorganisation Wostok SOS haben sich in dieser Woche in Krankenhäusern und Ambulanzen auf der ukrainisch-kontrollierten Seite der Oblast Luhansk umgesehen – und zeichnen ein trauriges Bild. „Überall mangelt es Ärzten, insbesondere Infektiologen, Schutzkleidung, Desinfektionsmittel sowie Geräten zur Reanimation und Covid-19 Diagnostik“, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. Viele Bewohner der Region würden sich nicht an Quarantänemaßnahmen halten und Spazierengehen und nicht von schützenden Hygienemaßnahmen Gebrauch machen.

Ein ukrainischer Soldat mit Schutzmaske an einem Kontrollposten nahe dem abtrünnigen Gebiet Donezk.
Ein ukrainischer Soldat mit Schutzmaske an einem Kontrollposten nahe dem abtrünnigen Gebiet Donezk.Foto: Gleb Garanich/REUTERS

Wie schwierig die Lage ist, ließ sich schon vor Corona beobachten, zum Beispiel in der Stadt Kostjantyniwka in der Region Donezk, nicht weit von der Front, wo auch in diesen Tagen weiter gekämpft wird. „Wir haben viele Probleme mit der Medizinversorgung“, schilderte Dmitri Wlassenko dem Tagesspiegel im vergangenen Herbst.

Wlassenko ist einer von zwei Notärzten in der Kinderambulanz. Es gebe viele Probleme mit der Medizinversorgung in der Ukraine, sagte er, und im Osten sei die Situation besonders schlecht.

Viele Kliniken in der Ostukraine sind in schlechtem Zustand, die Ausrüstung ist veraltet. 
Viele Kliniken in der Ostukraine sind in schlechtem Zustand, die Ausrüstung ist veraltet. Foto: Oliver Bilger

Die Lage der Dorfbewohner ist prekär

In den vergangenen Jahren hat der Arzt eine steigende Zahl von Asthma-Erkrankungen und Lungenentzündungen bemerkt, aber auch Magenproblemen, Allergien, Diabetes. Er macht dafür die geringe Qualität der Lebensmittel verantwortlich, zurückzuführen auf den Konflikt: „Kinder essen nur selten, was sie essen sollten“, so Wlassenko, „sie essen, was da ist.“ Und es fehle an frischem Obst oder Gemüse, aber auch an Fleisch und Proteinen.

Prekär ist die Lage für die Bewohner in Dörfern. Die niedrigen Löhne oder Renten der Dorfbewohner reichen kaum für Medikamente und anfallende Reisekosten zur Behandlung außerhalb der isolierten Ortschaften. Stattdessen versuchen mobile Kliniken die Menschen so gut wie möglich zu versorgen.

„Wir haben viele Probleme mit der Medizinversorgung“, sagt der Arzt Dmitri Wlassenko.
„Wir haben viele Probleme mit der Medizinversorgung“, sagt der Arzt Dmitri Wlassenko.Foto: Oliver Bilger

Kontrollposten in der Ostukraine geschlossen

„Der Konflikt hat die Lage verkompliziert”, berichtete der 48-jährige Wlassenko. In seiner Ambulanz sei zwar die Erstversorgung möglich, für eine bessere Behandlung müssten seine Patienten aber in andere Städte”. 

Vor dem Krieg war das medizinische Zentrum der Region mit gut ausgebildeten Medizinern und guter Ausstattung in der nahen Industriemetropole Donezk zu finden.

Seit der Machtübernahme der Separatisten müssen Patienten andere, weiter entfernte Behandlungsorte finden. Die Reise über die offiziell nicht existierende Grenze war erlaubt, aber beschwerlich.

Mittlerweile ist der Übertritt aufgrund der Coronakrise unmöglich. Zunächst ließen Mitte März ukrainische Soldaten weniger Menschen die Kontrollstellen passieren.

Ukrainische Soldaten messen an der Grenze die Temperatur.
Ukrainische Soldaten messen an der Grenze die Temperatur.Foto: SERGEY VOLSKIY / AFP

Die Begründung der Behörden in Kiew: Die langen Warteschlangen an den Checkpoints würden ein hohes Infektionsrisiko darstellen. Wer allerdings zur medizinischen Behandlung aus den abtrünnigen Gebieten auf von der Ukraine kontrolliertes Territorium wolle, sollte weiter einreisen dürfen.

Inzwischen aber haben die „Volksrepubliken“ ihre Grenzen zur Ukraine komplett geschlossen. Die Not der Menschen wird damit weiter verschärft.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!