Wie kommt die FDP aus dem Loch? : Unverdrossen vorwärts denken

Parteichef Lindner bemerkt ganz richtig: Liberale Ideen haben gerade keine Konjunktur. Ein Blick zurück zeigt, wie man trotzdem relevant bleibt. Ein Kommentar.

Der starke Mann der Partei: Christian Lindner Bundesvorsitzender der FDP.
Der starke Mann der Partei: Christian Lindner Bundesvorsitzender der FDP.Foto: imago images/Christian Spicker

Christian Lindner hat das richtige Gespür für die Situation, immer noch. Er sorgt sich um die schlechten Umfragewerte der FDP – sie liegt bei fünf, sechs Prozent, knapp an der Grenze zum Scheitern. Also geht es darum, klug und entschlossen aus diesem Loch herauszukommen.

Aber wie geht da das „Kämpfen“, von dem der Parteichef spricht? Erst einmal natürlich durch Anerkennung der Wirklichkeit. Hier hat Lindner keinen Nachholbedarf. Die Grundüberzeugungen die FDP haben derzeit „keine große Konjunktur“, sagt er. Richtig. Und nicht erstaunlich, weil außerdem die Analyse zutrifft, dass sich die Menschen in Coronazeiten einen starken Staat wünschen, während die FDP das Ideal der Eigenverantwortung vertritt.

Was also tun? Sich aufs Neue der eigenen, traditionellen Werte versichern, um voranzuschreiten. Indem sich die FDP von größeren Missverständnissen löst, denen sie ausgesetzt ist oder sich ausgesetzt hat. Beispiel Thüringen und Thomas Kemmerich: Solche Politiker braucht die FDP nicht. Gerade wenn sie als liberales Gewissen der Gesellschaft nötig sein will, angesehen als solide vorwärtsdenkend, dürfen Seriosität und Glaubwürdigkeit auf keinen Fall infrage stehen.

Und dann muss sie tatsächlich unverdrossen weiter vorwärtsdenken, zumal in den Schlüsselbereichen Bildung, Digitalisierung, Bürgerrechte, sozialer Liberalismus. Besonders beim Letzteren ließe sich noch etwas gewinnen. Überraschend wäre das Eintreten (in diesen Zeiten) für eine „Reform des Kapitalismus“, wegen „negativer Tendenzen der Konzentration des Eigentums an den Produktionsmitteln in wenigen Händen“.

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Übrigens ein Satz von 1971. Der Obersatz kann wie damals lauten – zu Zeiten von Werner Maihofer, Karl-Hermann Flach und Ralf Dahrendorf –, dass Liberalismus fortwährende Demokratisierung der Gesellschaft auf allen Ebenen fordert.

„Menschenwürde durch Selbstbestimmung, die Erhaltung und Entfaltung der Individualität persönlichen Daseins und der Pluralität menschlichen Zusammenlebens“ – These eins der „Freiburger Thesen“ von ’71. Die ist nicht akademisch, sondern praktisch. Als Leitplanke für Einzelentscheidungen. Drum keine Angst vor einem gedanklichen Überbau.

Die FDP hat eine Chance

Die FDP hat eine Chance, wenn sie klarmacht: Wo es um die Herrschaft von Menschen über Menschen in der arbeitsteiligen Organisation unserer Gesellschaft geht, muss die sich zwangsläufig erneuern, um Bewährtes zu bewahren.

Zurück zu Lindner. Der redet dieser Tage entschlossen der Emanzipation der Person aus Unmündigkeit und Abhängigkeit das Wort. Das ist gewiss ein Kampf. Aber mit Geduld – auch der FDP – kann das wieder für weit mehr als für fünf Prozent attraktiv werden.

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