Politik : Will Erdogan Präsident werden?

Susanne Güsten

Istanbul - Recep Tayyip Erdogan lässt seine Landsleute schmoren. „Ich sage immer wieder: ,Wartet bis April‘, aber sie hören nicht“, sagte der türkische Premier jetzt bei einer Parteiversammlung in Ankara. Erst im nächsten Monat will Erdogan bekannt geben, wer nach dem Willen seiner islamisch angehauchten Regierungspartei AKP zum neuen Staatspräsidenten gewählt werden soll. Viele Beobachter in Ankara glauben, dass sich Erdogan bei der Wahl durch das Parlament selbst das höchste Staatsamt sichern wird. Als Erdogans Nachfolger im Ministerpräsidentenamt würde Außenminister Abdullah Gül nachrücken – beide hätten für die Zeit der Präsidentenwahl im Mai alle Termine abgesagt, wird gemunkelt. Offiziell aber schweigt Erdogan eisern, was seine eigenen Ambitionen angeht.

Die Ungewissheit ist vom Premier durchaus gewollt. Durch seine Weigerung, eine eigene Kandidatur auszuschließen oder schon jetzt einen anderen Bewerber zu nennen, hat er der Opposition in Ankara und den Medien ein Thema gegeben, in das sie sich verbeißen können. Wahrscheinlich wüssten zurzeit nur Erdogan, Gül sowie ihre beiden Ehefrauen, wer der nächste Präsident sein werde, schrieb der Kommentator Mehmet Ali Birand.

Für Oppositionschef Deniz Baykal steht fest, dass Erdogan nach dem höchsten Staatsamt greifen will. Baykal sieht darin die Gefahr einer kompletten Machtübernahme der Islamisten in der laizistischen Republik. Seine Partei CHP will daher die Präsidentenwahl boykottieren und notfalls vors Verfassungsgericht ziehen. Baykal legte der strikt antiislamistischen Armee nahe, ebenfalls öffentlich gegen eine Kandidatur Erdogans Stellung zu beziehen und sie so zu verhindern.

Erdogan selbst hat offenbar seinen Spaß an dem Katz-und-Maus-Spiel. Bei der Wahl seien durchaus „Überraschungen“ möglich, orakelte er. Möglicherweise werde er den Ex-Generalstabschef Hilmi Özkök ins Präsidentenamt bringen, spekulieren einige Zeitungen. Özkök kam als Armeechef bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr blendend mit Erdogan zurecht.

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