Politik : „Wir brauchen eine neue Strategie“

Bernhard Gertz, Chef des Deutschen Bundeswehrverbandes, über den Tornadoeinsatz in Afghanistan

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Es gab vor der Entscheidung über den deutschen Tornadoeinsatz einen Streit um Begriffe – Kampfeinsatz, kein Kampfeinsatz. Was ist es denn nun?

Die fachliche Bezeichnung lautet Kampfunterstützungseinsatz. Mithilfe der Aufklärungstornados werden Lagebilder erhoben. Diese Daten dienen dazu, Ziele zu identifizieren, die andere Soldaten dann bekämpfen. Die Besatzung kann sich mit ihren Bordwaffen verteidigen, wenn sie vom Boden aus angegriffen werden sollte. Die Maschinen sind außerdem mit Täuschkörpern und elektronischen Mitteln in der Lage, schultergestützte Raketen abzuwehren.

Was wäre dagegen ein Kampfeinsatz?

Der wäre gegeben, wenn die Maschinen zur direkten Unterstützung von Truppen, die im Erdkampf stehen, mit ihren Waffen eingreifen würden. Natürlich könnte ein Tornado mit der Bordkanone auf den Boden schießen. Aber diesen „Close Air Support“ hat die Regierung ausdrücklich ausgeschlossen. Die Tornados sollen aufklären, auch nachts mit Infrarot-Wärmebildkameras.

Ist dieser Einsatz militärisch sinnvoll?

Der Tornado ist ein Element der Aufklärung. Er hat einige Nachteile – seine Bilder werden auf Film geschossen und stehen erst einige Stunden später zur Verfügung. Vorteile sind: Der Tornado kann Wolken unterfliegen – bei Bewölkung sind Satelliten weitgehend blind – und auch nachts hochwertige Daten liefern.

Gab es die bisher denn nicht?

Doch, natürlich. Diese Aufgaben sind bisher von britischen Harrier erledigt worden. Aber die sind abgezogen worden und sollen jetzt zur Kampfunterstützung für Bodentruppen dienen. Man kann ja mal nachdenken, ob da nicht gezielt eine Fähigkeitslücke geschaffen wurde, die wir Deutsche nun auffüllen.

Das heißt: Wir unterstützen eine Kriegsstrategie, die sogar die Bundesregierung inzwischen mit Skepsis sieht?

In Afghanistan wird viel zu wenig getan für den zivilen Aufbau, für wirtschaftliche Entwicklung, für den Aufbau der Polizei. Die Staatengemeinschaft hat da total versagt. Wenn Menschen glauben sollen, dass ein demokratisches System für sie die bessere Option ist, dann muss ich ihnen dafür ein Motiv bieten. Dafür müssten wir so viel in den Aufbau stecken, dass jeder mit eigenen Augen sieht: Hier entsteht eine Brücke, hier ein Brunnen. Obendrein haben unsere Verbündeten in einem Ausmaß Zivilisten ins Jenseits gebombt – das ist kontraproduktiv.

Liegt ein Strategiewechsel der Nato denn in Sichtweite?

Ich hatte eine Zeit lang die Hoffnung, dass auch unsere Partner das anstreben. Aber gucken Sie doch nur, was in den letzten Tagen wieder passiert ist, Tote und Verletzte unter Zivilisten. Sie haben gar nichts begriffen! Ich fürchte, dass wir auf diese Weise der Irakisierung Afghanistans näher kommen.

Die kriegführenden Nationen sagen: Wo gekämpft wird, passieren Irrtümer.

Aber man kann versuchen, sie so weit wie möglich zu vermeiden! Also nicht einfach aus der Luft auf alles schießen, was verdächtig wirkt. Man kann doch nicht mit dem Anspruch antreten, einem Land Demokratie und Menschenrechte zu bringen, und durch das eigene Vorgehen den Menschen täglich vorführen, dass einem die Menschenwürde egal ist.

Müssten Sie als Interessenvertreter der Soldaten nicht sagen: Das ist sinnlos, wir gehen da raus?

Ich kann überhaupt nicht ausschließen, dass ich eines Tages sagen muss: Das hat alles keinen Sinn und ist das Leben unserer Soldaten nicht mehr wert. Wenn alle weiter so vor sich hinwursteln nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass – dann wird das unvermeidlich. Aber im Moment halte ich es noch nicht für völlig ausgeschlossen, dass wir eine radikale Wende in der Afghanistanstrategie noch hinbekommen.

Was kann Deutschland dazu beitragen?

Unsere Möglichkeiten sind beschränkt. Allerdings hat Frau Merkel als EU-Ratspräsidentin und als Gastgeberin des G-8-Gipfels eine starke Stellung. Sie könnte das Thema zusammen mit Außenminister Steinmeier und Verteidigungsminister Jung auf die Tagesordnung setzen und den Anstoß geben für eine Reorganisation des zivilen Wiederaufbaus in Afghanistan.

Die Fragen stellten Sarah Kramer und Robert Birnbaum.

Bernhard Gertz (61) ist Oberst der Luftwaffe und Bundesvorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes, der Interessenvertretung aller deutschen Soldatinnen und Soldaten.

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